Vom Thron in den Bambuswald – Die spirituelle Revolution des Altkaisers Trần Nhân Tông

Nachdem die Mongolen-Invasion abgewehrt war und Kaiser Tschan Njanh Tong das Amt an seinen Sohn weitergereicht hat, widmete er sich der Religion.Im Oktober 1299 zog er sich auf den Berg Yên Tử zurück, um unter dem Ordensnamen Hương Vân Đại Đầu Đà die zwölf asketischen Praktiken (Dodeca Dhutanga) zu leben, die den Verzicht auf weltlichen

Tran-Nhan-Tong-Statue, Yen-Tu-Berg

Besitz und feste Wohnsitze vorschrieben. Seine Intention lag in der Überwindung der Zersplitterung der religiösen Landschaft Đại Việts, welche die Erholung des kriegsgeschädigten Landes lähmte. Er verschmolz die bestehenden Zen-Linien der Tì-ni-đa-lưu-chi, Thảo Đường und Vô Ngôn Thông zur institutionalisierten Trúc-Lâm-Yên-Tử-Schule (Bambuswald-Zen-Schule), der ersten geeinten buddhistischen Gemeinschaft des Reiches.

Dieses neue System zeichnete sich durch einen Geist des gesellschaftlichen Engagements (nhập thế) aus. Trần Nhân Tông bereiste die Provinzen, um die Einhaltung der zehn guten Taten (Daśakuśala) einzufordern und lokale Opferkulte zu unterbinden.

Er bildete den Intellektuellen Đồng Kiên Cương aus, den er im Jahr 1308 unter dem Namen Pháp Loa als zweiten Patriarchen der Schule einsetzte. Während einer Zeremonie im Tempel Báo Ân verpflichtete der Altkaiser den amtierenden Kaiser Anh Tông und den Hofstaat, dem neuen Patriarchen spirituellen Gehorsam zu leisten, um die Unabhängigkeit der religiösen Organisation gegenüber staatlichen Zugriffen zu festigen.

Die Philosophie des „Cư Trần Lạc Đạo“: Einheit von Geist und Welt

Das philosophische Herzstück der Lehre Trần Nhân Tôngs bildete die Absage an ein dualistisches Weltbild, welches Erleuchtung nur in der Isolation suchte. In seinem Lehrgedicht „Cư Trần Lạc Đạo Phú“ (Freude am Weg inmitten der Welt) definierte er das Alltagsleben als primären Ort der spirituellen Praxis. Das von ihm propagierte Konzept des Vô tâm (Nicht-Geist) bezeichnete den Zustand eines Bewusstseins, das sich von den Kategorien Gewinn, Verlust, Existenz und Nicht-Existenz befreit hatte.

Kaiser Trần Nhân Tông – Cư trần lạc đạo phú

Chữ Quốc Ngữ

Cư trần lạc đạo thả tùy duyên,
Cơ tắc xan hề khốn tắc miên.
Gia trung hữu bảo hưu tìm mịch,
Đối cảnh vô tâm mạc vấn thiền.

Deutsch

Inmitten der Welt den Weg genießen und den Bedingungen folgen,
Iss, wenn du hungrig bist; schlaf, wenn du müde bist.
Der Schatz liegt bereits im eigenen Haus, höre auf zu suchen;
Stehe den Phänomenen mit leerem Geist gegenüber – wozu noch nach Zen fragen?

In seiner Schrift „Perzipieren von Existenz und Leere“ kritisierte der Denker die Fixierung auf philosophische Extreme. Wer sich starr an die materielle Welt oder an den nihilistischen Rückzug klammere, gleiche einem Menschen, der eine Markierung an der Bordwand eines Bootes anbringe, um ein ins Wasser gefallenes Schwert wiederzufinden. Das Erwachen vollziehe sich dagegen im direkten Erleben der Realität, die dem Praktizierenden so nah vor Augen stehe wie die eigene Nase unter den Augenbrauen.

Am 16. Dezember 1308 starb Trần Nhân Tông schließlich auf dem Gipfel des Berges Ngọa Vân. Seine letzten Worte an den Schüler Bảo Sát betonten, dass alle Phänomene weder entstehen noch vergehen, und wiesen die Vorstellung eines realen Kommens oder Gehens als Illusion zurück. Nach der Kremation (hỏa táng) wurden die Reliquien (Xá lợi) in der Huệ-Quang-Stupa sowie im Quy-Đức-Mausoleum beigesetzt. Die Balance zwischen weltlicher Herrschaft und klösterlichem Rückzug hatte er vorgelebt; halten mussten sie nun andere.

Kaiser Trần Nhân Tông – Letzte Worte am Berg Ngọa Vân

Chữ Quốc Ngữ

Tất cả pháp chẳng sanh,
Tất cả pháp chẳng diệt,
Nếu hay hiểu như thế,
Chư Phật thường hiện tiền.
Nào có đến đi gì?

Deutsch

Alle Phänomene werden nicht geboren,
Alle Phänomene vergehen nicht.
Wer dies zu verstehen vermag,
Dem sind alle Buddhas stets gegenwärtig.
Welch ein Kommen und Gehen sollte es da geben?


Zum Weiterlesen

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Thuy-Loan Nguyen, L. (2021): Trúc Lâm. Buddhism in Vietnam: Its History, Development, and Legacy.*

Tu Nguyen, C. (1998): Zen in Medieval Vietnam: A Study and Translation of Thien Uyen Tap Anh: A Study and Translation of the Thi’n Uyn Tp Anh.*

Taylor, K. W. (2013): A History of the Vietnamese.*

Bildnachweis

Titel: Tran Nhan Tong auf einer Reise in dem Werk „Truc Lam Dai Si Xuat Son Do“ (Der große Gelehrte von Truc Lam verlässt den Berg). Wikimedia Commons, Ptdtch. CC BY-SA 3.0.

Steinstatue: Wikimedia Commons, Bùi Thụy Đào Nguyên. CC BY-SA 3.0.

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