Chronik der Qing-Dynastie – Folge 23
Am 10. Oktober 1911 fallen in Wuchang Schüsse. Soldaten der Neuen Armee, hervorgegangen aus den Reformen der letzten Jahre, erheben sich gegen ihre Vorgesetzten. Innerhalb weniger Stunden sichern sie zentrale Punkte der Stadt. Die Nachricht verbreitet sich entlang der Telegraphenleitungen in andere Provinzen und setzt dort politische Entscheidungen in Gang.
Wuchang und die Provinzen
Der Aufstand beginnt, als Behörden ein konspiratives Netzwerk innerhalb der Neuen Armee aufdecken. Offiziere handeln sofort, um Verhaftungen zuvorzukommen. In den folgenden Wochen erklären mehrere Provinzen ihren Austritt aus dem Qing-Verband. Provinzversammlungen übernehmen die Verwaltung, Militärbefehlshaber besetzen Gouverneurssitze und sichern Garnisonen.
Mit jeder Provinz, die sich löst, schrumpfen Einnahmen und Truppenstärke des Zentrums.
Die Regentschaft und die militärische Option

In Peking sitzt Puyi seit Ende 1908 auf dem Thron. Im Oktober 1911 ist er fünf Jahre alt. Die Regentschaft führt sein Vater Zaifeng, der Zweite Prinz Chun. Kaiserinwitwe Longyu nimmt eine zentrale Stellung am Hof ein. Nach den ersten Provinzabfällen setzt die Regentschaft auf Stabilisierung durch die Armee.
Yuan Shikai wird zurückgerufen und erhält den Oberbefehl über die Beiyang-Armee. Diese Truppe verfügt über moderne Ausrüstung. Ihre Offiziere haben jahrelang gemeinsam gedient und sind Yuan persönlich verpflichtet. Sie bildet die einzige Streitmacht, die überregional einsetzbar ist.
Yuan lässt seine Einheiten gegen Wuchang und benachbarte Städte vorgehen. Gleichzeitig nimmt er Kontakt zur südlichen Führung auf. Er lässt kämpfen und verhandeln zugleich. Seine Stellung beruht darauf, dass weder Hof noch Revolutionäre ohne seine Armee entscheiden können.
Nanjing und die provisorische Regierung
Während Yuan operiert und verhandelt, formiert sich im Süden eine eigene Regierung. In Nanjing tritt eine Versammlung zusammen, die eine Republik ausruft. Sun Yat-sen wird im Januar 1912 zum provisorischen Präsidenten gewählt. Die neue Führung stützt sich auf Provinzbeschlüsse und revolutionäre Netzwerke. Die Entscheidungsmacht über die landesweit einsetzbaren Truppen liegt jedoch bei Yuan Shikai.
In den Gesprächen entsteht ein konkreter Tausch. Die südliche Führung ist bereit, Yuan das Präsidentenamt zu überlassen. Im Gegenzug soll er die Abdankung des Kaisers durchsetzen.
Warum der Hof einlenkt
Für die Regentschaft stellt sich die Lage Anfang 1912 eindeutig dar. Mehr als die Hälfte der Provinzen hat sich gelöst. Die Staatsfinanzen sind belastet. Die Beiyang-Armee folgt Yuan Shikai.
Yuan drängt den Hof zur Abdankung und sichert der kaiserlichen Familie verbindliche Garantien zu: Verbleib in der Verbotenen Stadt, regelmäßige Zahlungen sowie Schutz vor Strafverfolgung durch die neue Regierung.
Abdankung und Machttransfer

Am 12. Februar 1912 unterzeichnet Kaiserinwitwe Longyu im Namen Puyis das Abdankungsedikt. Mit diesem Schritt endet die Qing-Dynastie nach 268 Jahren. Die Entscheidung folgt aus der militärischen Lage und aus den Vereinbarungen mit Yuan Shikai.
Sun Yat-sen tritt zurück, um Yuan den Weg freizumachen. Am 10. März 1912 wird Yuan Shikai in Peking als provisorischer Präsident vereidigt. Die neue Republik übernimmt die Hauptstadt, die zentralen Behörden und den bestehenden Militärapparat. Der Machttransfer erfolgt über vorhandene Institutionen und über die Kontrolle der Armee.
Militärische Ordnung und offene Zukunft
Yuan Shikais Präsidentschaft stützt sich auf die Beiyang-Armee. In vielen Provinzen behalten Kommandeure ihre Truppen und Einnahmequellen. Der dynastische Rahmen ist aufgehoben. Provinzgouverneure und Generäle gewinnen politischen Einfluss. Wer das Reich dauerhaft zusammenhält, ist offen.
Ein Ende als Entscheidungssituation
1911 bündelt Entwicklungen der letzten Jahre in einem Machtkonflikt. Reformen hatten neue Militäreinheiten geschaffen und Provinzversammlungen politisches Gewicht gegeben. Der Aufstand von Wuchang setzt eine Kette von Entscheidungen in Gang. Die Regentschaft akzeptiert die Abdankung als geregelten Übergang. Yuan Shikai nutzt seine Stellung für den Schritt in die Republik. Mit dem Ende des Kaisertums beginnt eine Phase, in der Generäle und Provinzführer die politische Entwicklung prägen.
Zum Weiterlesen
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Helweg Schmidt-Glinzer (2024): Das neue China: Vom Untergang des Kaiserreichs bis zur Gegenwart.*
John K. Fairbank (1978): The Cambridge History of China: Volume 10, Late Ch’ing 1800 1911, Part 1.*
John K. Fairbank (1980): The Cambridge History of China: Volume 11, Late Ch’ing, 1800 1911, Part 2.*
Jonathan D. Spence(2024): The Search for Modern China.* Buch oder Audiobook.
Bildnachweis
Titel: Yuan Shikai wird als Präsident eingeschworen, 1912.
Alle Bilder gemeinfrei.



