Die Hòa-Bình-Kultur – Schlüssel zur Urgeschichte Südostasiens

In der Archäologie Südostasiens markiert die Hòa-Bình-Kultur einen entscheidenden Wendepunkt. Während die internationale Wissenschaft meist von einem Technokomplex spricht – also einer Gruppe von Fundstellen, die durch ähnliche Werkzeugformen verbunden sind –, begreift die vietnamesische Fachwelt die Funde als Ausdruck einer zusammenhängenden Tradition. Diese unterschiedlichen Sichtweisen führen zu einer Debatte, die vor allem die zeitliche Einordnung betrifft: Lokale Experten setzen den Beginn der Entwicklung deutlich früher an, als es in der westlichen Standard-Archäologie üblich ist. Ein Grund für diese Uneinigkeit liegt in der Beschaffenheit der Fundorte. In den feuchten Tropenhöhlen vermischen sich die Bodenschichten oft durch einsickerndes Wasser oder grabende Tiere, was präzise Datierungen erschwert.

Ein Erbe von 32.000 Jahren

An Fundplätzen wie Thẩm Khương oder der Felsbehausung Mái Đá Ngườm in der Provinz Thái Nguyên legten Fachleute Steinwerkzeuge frei, deren Alter sie auf etwa 32.000 BP1 datieren. In der internationalen Fachwelt herrscht hierüber Uneinigkeit, da viele Wissenschaftler den Kern dieser Epoche erst zwischen 12.000 und 10.000 BP ansiedeln. Unabhängig von diesem Streit dient die vietnamesische Periodisierung der regionalen Archäologie als wichtigster Referenzpunkt:

Chronologie der Hòa-Bình-Tradition
ab 32.000 BP

Frühes Hòa Bình

Dominanz einfacher Abschlaggeräte. Handwerker trennten mit gezielten Schlägen scharfe Fragmente von Steinen ab, um sie als Sofortwerkzeuge für die tägliche Arbeit zu nutzen.

ab 18.000 BP

Mittleres Hòa Bình

Perfektionierung des Sumatraliths. Ovale, wasserglatte Flusskiesel wurden gezielt ausgewählt und nur an einer Längsseite bearbeitet, um eine extrem robuste, einseitige Schneide zu erhalten.

ab 10.000 BP

Spätes Hòa Bình

Phase des kulturellen Umbruchs. Die Funde belegen den allmählichen Übergang zur Sesshaftigkeit sowie die ersten Versuche in der Töpferei mittels Tonstrang-Technik.

Überlebensstrategien im Dschungel: Stein, Bambus und Gift

Sumatralith aus der Nongke Xiaodong Höhle, dem ältesten Hòa-Bình-Komplex

Wie sah das Leben im Dschungel aus? Die Frage nach der praktischen Anwendung der Werkzeuge führt mitten in den tropischen Alltag. Ein Sumatralith war vielseitig, bildete aber nur einen Teil der Ausrüstung. Experten gehen heute davon aus, dass die Jäger und Sammler vor allem Bambus und Holz verarbeiteten. Da diese organischen Stoffe im feuchten Klima schnell verrotten, lassen sie sich kaum direkt nachweisen. Dennoch verraten die Steine ihr Geheimnis: Mikroskopische Gebrauchsspuren an den Kanten der Kiesel zeigen, dass mit ihnen Pflanzenfasern geschabt und Holz geschnitten wurde.

Ein besonderes Merkmal dieser Ära ist die Entwicklung von Jagdwaffen und Gefäßen. Man fand Hinweise auf vergiftete Pfeilspitzen für die Jagd auf Großwild sowie frühe Formen der Keramik. Diese ersten Behältnisse wurden aus Tonsträngen gefertigt, die spiralförmig übereinanderlagen. Die Handwerker verstrichen die Zwischenräume und härteten die Rohlinge anschließend bei niedrigen Temperaturen im offenen Feuer. Während vietnamesische Archäologen darin eine der weltweit ältesten Töpfertraditionen sehen, ordnet die internationale Fachwelt diese Funde vorsichtiger in das späte Pleistozän ein.

Von lokaler Technik zur globalen Migration

Diese handwerklichen Fertigkeiten und die geschickte Nutzung des Dschungels bilden das Fundament für die Besiedlung eines riesigen Raumes. Die Gemeinschaft war eng mit dem Schicksal von Sundaland verknüpft – einer gewaltigen Landmasse, die während der Eiszeit das Festland mit den heute isolierten Inseln Indonesiens verband. Dieses „tropische Atlantis“ war zeitweise größer als Europa und bot ideale Lebensbedingungen.

Grabung in der Hiem-Höhle

Als der Meeresspiegel am Ende der Eiszeit anstieg und Sundaland langsam versank, mussten die Bewohner neue Wege finden. Gelehrte wie Wilhelm G. Solheim II vermuten, dass diese Migrationen Innovationen wie die Domestikation von Flaschenkürbissen oder erste seefahrerische Techniken weit über die Region hinaus verbreiteten. Der Brite Stephen Oppenheimer geht sogar so weit, die Wurzeln späterer Zivilisationen im Mittleren Osten auf diese frühen Flüchtlinge aus dem versunkenen Kontinent zurückzuführen.

Genetische Untersuchungen stützen die zentrale Rolle der Region: Die Vorfahren der heutigen Bevölkerung wanderten wohl vor 40.000 bis 60.000 Jahren aus Afrika ein und nutzten dieses Gebiet als Sprungbrett für die Besiedlung Ostasiens. Diese Tradition bildet damit das entscheidende Bindeglied, um den Weg des modernen Menschen in Asien und die Entstehung der ersten Hochkulturen zu verstehen.


Zum Weiterlesen

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Krause, J. (2023): Die Reise unserer Gene: Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren.*

Krause, J. (2023): Hybris: Die Reise der Menschheit: Zwischen Aufbruch und Scheitern.*

Hessisches Landesmuseum (2015): Homo – Expanding Worlds: Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen.*

Bildnachweis

Titel: Hiem-Höhle, 2023. Creative Commons 4.0, Mirosław MASOJĆ, Hai Dang LE, Tomasz GRALAK, Grzegorz MICHALEC, Karina APOLINARSKA, Monika BADURA, Marzena CENDROWSKA, Andrzej GAŁAŚ, Joanna KRUPA-KURZYNOWSKA, Beata MIAZGA,Marta OSYPIŃSKA, Zofia RÓŻOK & Viet NGUYEN.

Steinwerkzeuge: Wikimedia Commons, 瑞丽江的河水. Creative Commons 4.0.

Hiem-Höhle-Grabung: Creative Commons 4.0, Mirosław MASOJĆ, Hai Dang LE, Tomasz GRALAK, Grzegorz MICHALEC, Karina APOLINARSKA, Monika BADURA, Marzena CENDROWSKA, Andrzej GAŁAŚ, Joanna KRUPA-KURZYNOWSKA, Beata MIAZGA,Marta OSYPIŃSKA, Zofia RÓŻOK & Viet NGUYEN.

  1. BP = Before Present = vor heute. ↩︎

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