Archäologischer Fund und historische Einordnung
Die sogenannte Orakelschrift (甲骨文, jiǎgǔwén) stellt die älteste bekannte Form der chinesischen Schrift dar. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Schulterblättern von Rindern und Schildkrötenpanzern gefunden, die man als Orakelträger verwendete. Die Fundorte lagen vor allem in Anyang, in der heutigen Provinz Henan, das als letzte Hauptstadt der Shang-Dynastie (ca. 1250–1045 v. Chr.) identifiziert wurde.
Die Inschriften bestehen aus kurzen Texten, die meist im Zusammenhang mit Orakelbefragungen stehen. Der König ließ Antworten auf Fragen an Ahnengeister oder Gottheiten schriftlich fixieren. Dabei ging es um Ernten, Jagderfolg, Kriege, Geburten oder Opfer.
Verwendung und Herstellungsweise

Die Orakelschrift diente einem rituellen Zweck. Zunächst wurde ein Knochen oder Schildkrötenpanzer geglättet. Ein Wahrsager formulierte Fragen an die übernatürliche Welt, die dann mit einem spitzen Werkzeug eingeritzt oder mit Tinte vorgeschrieben wurden. Anschließend wurde das Material erhitzt. Durch die dabei entstehenden Risse glaubte man, Antworten auf die gestellten Fragen ablesen zu können. In vielen Fällen ist auch eine Notiz zur Erfüllung oder Nichterfüllung des Ereignisses beigefügt.
Die Texte bestehen aus wenigen Zeichen, meist zwischen fünf und fünfzig. Sie wurden meist vertikal von oben nach unten gelesen. Die Schriftzeichen bilden teils konkrete Gegenstände ab (piktografisch), teils stellen sie abstrakte Begriffe dar (ideografisch). Viele Grundzeichen lassen sich in ihrer Entwicklung bis ins moderne Chinesisch (Hanzi) zurückverfolgen.
Linguistische Bedeutung
Die Orakelschrift belegt den frühesten dokumentierten Gebrauch der chinesischen Sprache. Sie bietet damit eine zentrale Quelle für die historische Sprachwissenschaft des Altchinesischen. Gleichzeitig bildet sie die Ursprungsform eines Schriftsystems, das sich über Jahrtausende weiterentwickelte, ohne seinen logografischen Charakter – also die Darstellung von Wortbedeutungen statt reiner Laute – grundlegend aufzugeben.
Die Zeichen der Orakelknochen zeigen bereits viele Grundzüge der klassischen chinesischen Schriftstruktur:
- Fixierte Wortreihenfolge
- Verwendung von Namen, Zahlen, Datumsangaben
- Begrenzter Wortschatz mit vielen Eigennamen und festen Formeln
Umfang und Erschließung

Bis heute wurden über 100.000 Fragmente von Orakelknochen entdeckt. Etwa 5.000 verschiedene Zeichenformen sind bekannt. Rund 1.000 Zeichen konnten zuverlässig identifiziert werden, etwa 300–400 sind voll erschlossen.
Die wissenschaftliche Bearbeitung begann mit Wang Yirong im Jahr 1899 und wurde von Luo Zhenyu, Guo Moruo und anderen fortgeführt. Die systematische Katalogisierung erfolgte im 20. Jahrhundert unter anderem durch die Academia Sinica und das Institute of History and Philology in Taiwan.
Rezeption und kulturelle Bedeutung
Die Orakelschrift wird in China als Kulturgut ersten Ranges angesehen. Sie markiert nicht nur den Beginn der chinesischen Schrift, sondern auch den Übergang von mündlicher Überlieferung zu schriftlich fixierter Geschichtsschreibung. Ihre Zeichen beeinflussen bis heute die Kalligrafie, das nationale Selbstverständnis und die archäologische Forschung.

Zum Weiterlesen
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Ken ichi-Takashima (2019): A Little Primer of Chinese Oracle-Bone Inscriptions with Some Exercises *
Bildnachweis
Titel: Schildkrötenpanzer, Wikimedia Commons, Gary Todd from Xinzheng, China.
Großer Schildkrötenpanzer: Wikimedia Commons, BabelStone.
Orakelknochen: Wikimedia Commons, Gary Todd from Xinzheng, China.
Großer Orakelknochen: Wikimedia Commons, Herr Klugbeisser.



