Zwischen Lotusblüte und Bajonett – Thailands Weg durch das 20. Jahrhundert

Die Wintersonne glitzert auf dem Genfersee, während zwei junge Brüder in der Schweiz ihre Skier wachsen. Ananda und Prinz Bhumibol führen in den 1940er Jahren ein Leben geprägt von europäischer Bildung. Sie büffeln Latein und sprechen fließend Deutsch. Doch die Idylle endet abrupt: Ein Telegramm aus Bangkok ruft die Brüder in die Heimat zurück. Nach Jahren im Schatten der japanischen Besatzung stand Thailand 1945 vor der Trümmerlast seiner Bündnispolitik und dem dringenden Bedürfnis nach einer stabilen Führung..

Ein ungeklärter Schuss im Großen Palast

Am 5. Dezember 1945 setzen die Brüder ihren Fuß auf thailändischen Boden. Am Flughafen Don Mueang bereitet ihnen Pridi Phanomyon, der zivile Kopf des Widerstands gegen die japanische Besatzung, einen triumphalen Empfang. Das Volk jubelt dem jungen König Ananda Mahidol (Rama VIII.) zu. In ihm sehen die Menschen den Garanten für eine Rückkehr zur Demokratie.

König Ananda mit Srinagarindra und Bhumibol, 1945

Diese Hoffnung zerbricht am Morgen des 9. Juni 1946. Ein einziger Schuss hallt durch die Gemächer des Boromphiman-Palastes. Kammerdiener stürzen in das Schlafzimmer und finden den 20-jährigen König tot in seinem Bett vor. Bis heute bleibt dieser Moment ein nationales Trauma. Ob es ein tragisches Unglück oder eine gezielte Tat war, bleibt ungeklärt. Die Justiz lässt später drei Palastbeamte hinrichten, doch die historischen Akten bieten keine Gewissheit. Inmitten dieses Vakuums tritt der 18-jährige Bhumibol Adulyadej das schwere Erbe an. Er kehrt zunächst nach Lausanne zurück, um sein Studium auf Rechtswissenschaften und politische Verwaltung umzustellen.

Die Rückkehr der starken Männer

Phibun Songkhram, 1947

Während der junge König in Europa weilt, zerreißt in Bangkok das politische Gefüge. 1948 putscht sich Feldmarschall Phibun Songkhram zurück an die Macht. Es ist eine paradoxe Situation: Phibun führte Thailand im Krieg noch an die Seite der Achsenmächte. Nun aber erkennt Washington in ihm einen nützlichen Partner gegen die kommunistische Gefahr in Südostasien.

Thailand wandelt sich zum militärischen Vorposten der USA. In den Reisfeldern wird die Propaganda gegen den Kommunismus zum Alltag. Als 1950 der Koreakrieg ausbricht, zögert die thailändische Führung nicht. Insgesamt entsendet das Land im Verlauf des Konflikts über 11.000 Soldaten an die Front. Das erste Kontingent von rund 1.200 Mann erwirbt sich aufgrund seiner Tapferkeit bald den Ruf als „Little Tigers“. Im selben Jahr, am 5. Mai 1950, kehrt Bhumibol zur feierlichen Krönung nach Bangkok zurück. Er schwört, zum Wohle des thailändischen Volkes zu regieren – ein Versprechen, das er durch seine Reisen in die ärmsten Provinzen einzulösen versucht.

Die Allianz von Thron und Kaserne

Sarit Thanarat, 1950er

1957 übernimmt General Sarit Thanarat durch einen unblutigen Umsturz die Regie. Er sucht die Nähe zum Thron und bindet den König aktiv in seine Herrschaft ein. Sarit versteht, dass er für sein autoritäres Regime die moralische Autorität des Monarchen benötigt. Er belebt alte höfische Rituale wieder und stärkt so die öffentliche Präsenz Bhumibols.

Unter Sarit und seinem Nachfolger Thanom Kittikachorn erlebt Thailand einen rasanten wirtschaftlichen Wandel. Mit US-Geldern entstehen riesige Staudämme und ein dichtes Netz aus Fabriken. Das Land öffnet sich dem westlichen Kapital. In Bangkok entstehen moderne Kaufhäuser, während die Jugend westliche Mode für sich entdeckt. Doch der Preis ist hoch: Wer gegen die Generäle aufbegehrt, riskierte Verhaftung oder das plötzliche Verschwinden aus dem öffentlichen Leben. Die Schere zwischen der Stadtbevölkerung und den verarmten Bauern auf dem Land klafft immer weiter auseinander.

Im Schatten des Vietnamkriegs

Ende der 1960er Jahre erreicht der Kalte Krieg in Südostasien seinen Siedepunkt. Thailand wird zur zentralen Logistikdrehscheibe für den US-Einsatz in Vietnam. Auf Luftwaffenstützpunkten wie U-Tapao sind zeitweise 45.000 US-Soldaten stationiert. Riesige B-52-Bomber starten von hier zu ihren Einsätzen.

Die Präsenz der Amerikaner bringt Dollar ins Land, verändert aber auch die gesellschaftlichen Strukturen massiv. Das Rotlichtmilieu in Bangkok wächst sprunghaft an. Gleichzeitig radikalisiert sich die thailändische Linke. In den dichten Wäldern des Nordens formiert sich die Kommunistische Partei Thailands (CPT) zum bewaffneten Kampf. Inspiriert von Mao Zedong versuchen sie, die ländliche Bevölkerung für eine Revolution zu gewinnen.

Der Schuss am 14. Oktober

Die Unzufriedenheit über die korrupte Militärdiktatur Thanoms entlädt sich im Oktober 1973. Zehntausende Studenten und Arbeiter strömen auf die Ratchadamnoen-Allee in Bangkok. Sie fordern eine Verfassung und die Abschaffung der Tyrannei. Am 14. Oktober eskaliert die Situation: Die Polizei eröffnet das Feuer auf die unbewaffnete Menge. Panzer rollen durch die Straßen, während Hubschrauber die Universitätsgebäude unter Beschuss nehmen. 77 Menschen sterben, über 800 werden verletzt.

In diesem Moment greift König Bhumibol direkt ein. Er lässt die Tore seines Palastes für die flüchtenden Studenten öffnen. Er zwingt die Generäle Thanom und Praphas zum Rücktritt, woraufhin diese das Land verlassen. Mit der Ernennung des Professors Sanya Dharmasakti beginnt eine kurze Phase der Demokratie.

Das Trauma an der Thammasat-Universität

Denkmal an der Thammasat-Universität

Die neue Freiheit ist fragil. Während Studenten für Landreformen demonstrieren, formieren sich am rechten Rand militante Gruppen wie die „Dorfpfadfinder“. Sie sehen die Monarchie durch den „roten Geist“ bedroht.

Die Spannungen gipfeln am 6. Oktober 1976. Nach einer vermeintlichen Beleidigung des Kronprinzen stürmen rechte Milizen das Gelände der Thammasat-Universität. Es folgt ein Gewaltexzess von erschütternder Grausamkeit: Studenten werden gelyncht oder auf offener Straße verbrannt. Die offizielle Bilanz spricht von 46 Toten, Augenzeugen berichten von weit über hundert Opfern. Ein erneuter Militärputsch beendet das demokratische Experiment und treibt Tausende junge Aktivisten in den Untergrund.

Weg zur Stabilität

In den 1980er Jahren vollzieht die Führung unter General Prem Tinsulanonda eine strategische Wende. Prem erkennt, dass die kommunistische Guerilla nicht allein mit Waffen zu besiegen ist. Er setzt auf Versöhnung statt auf reine Repression. Durch kluge Amnestieprogramme bietet die Regierung den Kämpfern im Dschungel eine Rückkehr in die Gesellschaft an. Die kommunistische Bewegung bricht zusammen, auch weil China seine Unterstützung einstellt.

Als 1991 der Kalte Krieg auch global endet, hat sich Thailand zu einer führenden Industrienation Südostasiens gewandelt. Die tiefen Gräben zwischen konservativen Kräften und dem Ruf nach Mitspracherecht bleiben jedoch unter der Oberfläche bestehen.


Jahr Ereignis
1910Rama VI. besteigt den Thron und fördert Nationalismus und thailändische Identität.
1917Thailand erklärt Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg im Ersten Weltkrieg.
1929Weltwirtschaftskrise trifft Thailand und führt zu wirtschaftlicher Instabilität.
1932Staatsstreich beendet die absolute Monarchie, Einführung einer Verfassung mit Volksvertretung.
1934Phibun Songkhram errichtet autoritäres Regime mit nationalistischen Reformen.
1942Thailand erklärt auf japanischen Druck den USA und Großbritannien den Krieg.
1945Kapitulieren Japans; Thailand distanziert sich von den Achsenmächten.
1946Tod von König Ananda Mahidol (Rama VIII.) unter ungeklärten Umständen.
1948Phibun Songkhram kehrt an die Macht zurück; Beginn der US-Orientierung Thailands.
1957General Sarit übernimmt die Macht und etabliert ein autoritäres Regime.
1973Blutige Niederschlagung von Massenprotesten in Bangkok, über 70 Tote.
1991Ende des Kalten Krieges mit Auflösung der Sowjetunion.

Zum Weiterlesen

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Volker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands, 2010– Deutsches Standardwerk zum schnellen Einstieg.*

Bildnachweis

Titel: Grand Palace, Bangkok.

Denkmal: Wikimedia Commons, Xiengyod. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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