Frühe Kulturen Vietnams – Ein Schnellüberblick von Sơn Vì bis Hòa Bình

Altsteinzeitliche Anfänge

Die ersten bekannten menschlichen Artefakte auf dem Gebiet des heutigen Vietnams stammen aus der Altsteinzeit und werden der sogenannten Sơn-Vì-Kultur zugeordnet. An insgesamt rund 230 Fundstellen lassen sich ihre Spuren nachweisen. Sie erstrecken sich über ein weites Gebiet von Phú Thọ nordwestlich von Hanoi bis nach Lâm Đồng im südlichen Hochland, etwa 100 Kilometer nordöstlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. Auch jenseits der heutigen Staatsgrenzen finden sich Hinweise auf diese altsteinzeitlichen Gruppen, etwa in Südchina und Nordthailand.

Erhaltene Skelette aus dieser Zeit weisen durchgehend australoide Merkmale auf. Eine Durchmischung mit Bevölkerungsgruppen aus dem Norden hatte offenbar noch nicht stattgefunden.

Funde aus Höhlen erlauben Einblicke in die damalige Lebensweise. Charakteristisch ist eine zentrale Feuerstelle, in deren Umfeld verkohlte Holzreste, zerbrochene Werkzeuge sowie Knochen, Zähne und Muschelschalen lagen. Die Kombination dieser Hinterlassenschaften legt eine jagd- und sammlungsbasierte Lebensweise nahe.

Das Klima war etwas kühler als heute. Dennoch fanden die Menschen in ihrer Umgebung ein vielfältiges Nahrungsangebot. Neben Pflanzen wurden zahlreiche Tierarten genutzt. Gejagt wurden unter anderem Rotwild, Elefanten, Wildschweine, Affen, Füchse, Tiger und andere Wildkatzen. Auch kleinere Tiere wie Bergschnecken ergänzten die Ernährung. Aus Flüssen und Küstengewässern stammten Fische, Herzmuscheln und Austern.

Vietnam – Frühgeschichtliche Kulturen

Zeitraum Kultur
30.000 BP Dieu
21.000–9.000 BP Sơn Vì
16.000–5.500 BP Hòa Bình
8.000–5.000 BP Bắc Sơn
4.000–2.000 BC Đa Bút
Bronzezeit
2.000–1.500 BC Phùng Nguyên
2.000 BC Hạ Long
1.000–700 BC Gò Mun
1.000 BC Đông Sơn
Eisenzeit
500–200 BC Sa Huỳnh
500 BC Đông Nai

Tabelle: Frühe Kulturen in Vietnam
Die Jahreszahlen weichen je nach Quelle ab und sollten daher nur als ungefährer Anhaltspunkt dienen.
Die Namensgebung der Kulturen richtet sich nach dem jeweils ersten Fundort.
BP = vor heute, BC = vor Christus.

Der Übergang zur Jungsteinzeit

Die Neolithisierung Vietnams ist mit der sogenannten Hòa-Bình-Kultur verbunden. Bekannt wurde sie durch die französische Botanikerin und Archäologin Madeleine Colani, die als einzige Frau im französischen Kolonialdienst systematisch im Bereich der Prähistorie forschte. Colani identifizierte über 120 Fundstellen in Vietnam. Spuren derselben Kultur fanden sich auch in Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar, auf Sumatra und vereinzelt sogar in Australien.

Im Unterschied zur Sơn-Vì-Kultur lassen die mongoliden Merkmale der Hòa-Bình-Skelette auf eine Verwandtschaft mit Bevölkerungsgruppen aus China oder Tibet schließen. Auch ihre materiellen Hinterlassenschaften zeugen von einem kulturellen Wandel.

Die Werkzeuge wurden differenzierter ausgearbeitet. Neben geschlagenen Steinen traten neue handwerkliche Techniken auf. Besonders auffällig ist der Beginn der Töpferei. Erste Keramikgefäße mit eingeritzten Mustern zeigen, dass der funktionale Gebrauch mit gestalterischem Anspruch verbunden war. Viele Gefäße weisen typische Eindrücke von Schnüren auf, weshalb sie zur sogenannten Schnurkeramik gezählt werden.

Die Hòa-Bình-Gruppen betrieben erstmals einfache Formen von Ackerbau. Sie kultivierten Gemüse, Früchte und auch frühen Reis. Erste Ansätze von Tierhaltung sind durch die Domestikation von Hunden belegt. Die bisher ausschließlich jagende Lebensweise wurde allmählich durch eine sesshaftere Wirtschaftsform ersetzt.

Wandel durch Klima und Geographie

Die Ausbreitung der Hòa-Bình-Kultur wurde durch klimatische Veränderungen eingeschränkt. Mit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 8000 Jahren stieg der Meeresspiegel an. Große Teile des damaligen Sunda-Kontinents wurden überflutet. Die Verbindung zwischen südlichen und nördlichen Siedlungsräumen brach ab. Hinzu kamen geotektonische Prozesse, die in Teilen Südostasiens zu erhöhter seismischer Aktivität führten. Erdbeben und Tsunamis veränderten die Siedlungsbedingungen erheblich.

Viele frühzeitliche Lebensräume verschwanden unter dem steigenden Meer. Zahlreiche Fundorte gelten als dauerhaft verloren. Die bekannten Artefakte stammen fast ausschließlich aus höher gelegenen Gebieten, die von Überschwemmungen verschont blieben und daher bis heute als Quellen prähistorischer Forschung dienen.

Südostasien zum Letzteiszeitliches Maximum vor ca. 20.000 Jahren

Mit dem sich zurückziehenden Schmelzwasser entstanden neue Kulturen in Vietnam. Die Bronzezeit, die ungefähr 2.000 Jahre vor der Zeitenwende einsetzte, brachte den nächsten Techniksprung. Die „Phùng Nguyên“-Kultur hinterließ höherwertige Handwerksstücke. Dazu zählen Töpferwaren, Schmuck, Pfeile, Lehmskulpturen. Es wurden Spulen und Weberschiffchen aus Keramik gefunden, die beweisen, dass bereits Kleidung gewebt wurde.

Die wahrscheinlich bekannteste Bronzezeit-Kultur sind die „Đông Sơn“. Sie hatten ihre Hochphase von ca. 1.000 BC bis ins erste nachchristliche Jahrhundert. Die Ausbreitung war weit über Vietnam hinaus; sogar in Myanmar zeigt sich eine ähnliche Kultur. Das Besondere an den Đông Sơn waren die feinen Bronzearbeiten. Viele Gegenstände wurden aus diesem Material gefertigt: u.a. wurden Trommeln, Werkzeuge, Gefäße und Waffen gefunden.


Zum Weiterlesen

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Vu Hong Lien; Sharrock, Peter: Descending Dragon, Rising Tiger. London, 2014.

Bildnachweis

Titel: Prähistorische Jäger. Gemälde im Historischen Museum in Hanoi. Wikimedia Commons, HappyMidnight. CC BY-SA 4.0.

Sundaland: Wikimedia Commons, ש.מירון. CC BY-SA 4.0.

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