Tibetische Truppen nehmen Chang’an ein

763 flieht der Tang-Kaiser Daizong aus Chang’an. Ein tibetisches Heer rückt auf seine Hauptstadt vor. Die Soldaten, die den Zugang zur Stadt verteidigen sollen, haben den Vormarsch nicht aufgehalten. Kurz darauf ziehen die Angreifer in jene Stadt ein, von der aus die Tang-Kaiser seit Generationen regieren.

Mehr als 120 Jahre zuvor war Prinzessin Wencheng von hier nach Tibet aufgebrochen. Jetzt entscheiden tibetische Heerführer darüber, wer in Chang’an den Kaisertitel tragen soll.

Ein Bürgerkrieg öffnet die Grenze

Den Weg zur Hauptstadt hatte ein Krieg innerhalb des Tang-Reiches geöffnet. 755 erhob sich der General An Lushan gegen den Kaiser. Um den Aufstand niederzuschlagen, zog die Regierung Truppen von den nordwestlichen Grenzen ab. Dort blieben schwächere Besatzungen zurück.

Tibetische Heere griffen die Festungen an, die zuvor ihren Vormarsch gebremst hatten. Sie eroberten weite Teile von Longyou, einer Region im heutigen Qinghai und Gansu. Mit jeder verlorenen Garnison rückte die Gefahr näher an Chang’an heran. Der Aufstand endete 763; die geschwächte Grenzverteidigung konnten die Tang jedoch nicht ebenso rasch wiederherstellen.

In Tibet herrschte inzwischen Trisong Detsen. Seine Heerführer nutzten die Schwierigkeiten des Nachbarn. An der Seite tibetischer Soldaten kämpften Verbündete aus den Grenzgebieten, darunter Azha und Tanguten.

Ein Statthalter führt die Angreifer

Auf ihrem Vormarsch nahmen die Angreifer Jingzhou, nordwestlich der Hauptstadt. Der chinesische Statthalter Gao Hui ergab sich und schloss sich ihnen an. Er führte sie auf dem weiteren Weg nach Chang’an.

Guo Ziyi

Daizong beauftragte den erfahrenen General Guo Ziyi mit der Abwehr. Doch die Verteidiger konnten das Heer nicht aufhalten. Die Angreifer überschritten den Wei-Fluss und besiegten chinesische Truppen westlich der Hauptstadt. Der Kaiser floh nach Osten, und auch Guo Ziyi musste zurückweichen.

Schließlich erreichten die tibetischen Truppen Chang’an. Die chinesischen Geschichtswerke berichten von Beamten, die nach Süden flohen oder sich in den Bergen verbargen. Die Besatzer plünderten die Stadt und verschleppten Bewohner nach Tibet.

Sie erhoben Li Chenghong, den Prinzen von Guangwu, zum Kaiser. Er gehörte zur Tang-Familie. Seine Ernennung sollte der neuen Regierung einen dynastischen Anspruch geben. Die Heerführer ließen Beamte einsetzen und eine Amnestie verkünden. Auch eine neue Regierungsdevise wurde ausgerufen: Mit ihr begann in der offiziellen Zeitrechnung die Herrschaft des neuen Kaisers.

Daizong lebte jedoch weiter außerhalb der Hauptstadt. Seine Anhänger konnten sich sammeln. Li Chenghongs Herrschaft hing von den Soldaten ab, die ihn auf den Thron gesetzt hatten.

Die Besatzer ziehen ab

Guo Ziyi organisierte den Widerstand. Die Neue Tang-Geschichte schildert, wie chinesische Reiter bei den Besatzern die Nachricht verbreiteten, seine Armee stehe unmittelbar bevor. Andere Männer hätten im kaiserlichen Park Trommeln geschlagen und Lärm gemacht. Die tibetischen Truppen seien daraufhin nachts abgezogen.

Diese Darstellung schreibt den Rückzug einer erfolgreichen Täuschung zu. Fest steht: Nach etwa 15 Tagen endete die Besetzung. Guo Ziyi kehrte nach Chang’an zurück, später auch Daizong. Der von den Tibetern eingesetzte Kaiser verlor mit ihrem Abzug seine Macht. Daizong verbannte Li Chenghong, der kurz darauf starb.

Die tibetischen Heere kämpften weiterhin in den nordwestlichen Grenzgebieten. Chang’an gaben sie auf; viele ihrer zuvor eroberten Gebiete behielten sie.

In Lhasa wurde der Feldzug auf einer Steinsäule am Fuß des Potala-Hügels festgehalten. Die Inschrift würdigt die Dienste des Heerführers Takdra Lukhong für Trisong Detsen. Sie berichtet von der Niederlage chinesischer Truppen und von der Flucht des Kaisers. Der König belohnte seinen Minister reich. Die kurze Einnahme Chang’ans erhielt damit einen dauerhaften Platz in der Selbstdarstellung des tibetischen Hofes.


Zum Weiterlesen

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van Schaik, S. (2011): Tibet: A History.* Quellenorientierte Darstellung der tibetischen Geschichte mit einem Schwerpunkt auf den frühen Königen und den alttibetischen Zeugnissen.

Snellgrove, D. L.; Richardson, H. (2003): A Cultural History of Tibet. Überblick über die frühen Herrscher von Yarlung und ihre Beziehungen zu den Nachbarreichen.

Bildnachweis

Titel: Trisong Detsen. Wikimedia Commons, Erik Törner.

Alle Bilder gemeinfrei.

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