Im Januar 1663 kapitulierte die portugiesische Niederlassung in Cochin. Die Truppen der niederländischen Ostindienkompanie hatten den befestigten Stadtteil nach einer längeren Kampagne zur Aufgabe gezwungen. Ihr Befehlshaber Rijklof van Goens hatte Verstärkung aus Batavia heranführen lassen. Nun konnte die Gesellschaft einen Hafen übernehmen, der seit dem Bau der ersten portugiesischen Festung 1503 zu den wichtigsten Stützpunkten Portugals in Indien gehört hatte.
Die Eroberung war der Höhepunkt eines Konflikts, der mehr als 60 Jahre zuvor begonnen hatte. Sein Ausgang hing ebenso von den Geschäften der Kaufleute wie von der Reichweite ihrer Kanonen ab. Indische Baumwollstoffe spielten darin eine zentrale Rolle.
Die Vereinigung der Kaufleute
Niederländische Schiffe waren bereits in den 1590er-Jahren nach Südostasien aufgebrochen. Die erste große Expedition brachte nur einen bescheidenen Gewinn und kostete zahlreiche Seeleute das Leben. Spätere Fahrten brachten jedoch so hohe Erträge, dass immer neue Gesellschaften in den Handel einstiegen. Bald konkurrierten sie untereinander um die Gewürze, die sie nach Europa bringen wollten.
Wissen über die asiatischen Seewege erhielten die Kaufleute unter anderem von Jan Huyghen van Linschoten. Er hatte in Goa im portugiesischen Dienst gelebt. Seine Berichte machten niederländischen Lesern die Handelsmöglichkeiten im Osten zugänglich und beschrieben Schwächen der portugiesischen Präsenz. Die Konkurrenten konnten damit auf Erfahrungen zurückgreifen, die Portugal über Jahrzehnte gesammelt hatte.
Niederländische Politiker drängten auf eine Vereinigung der Unternehmen. Gegenseitige Konkurrenz verteuerte den Einkauf in Asien und schwächte die Flotten gegenüber Portugal. Am 20. März 1602 schlossen die Generalstaaten, die Versammlung der niederländischen Provinzen, die bestehenden Gesellschaften zur Vereenigde Oostindische Compagnie zusammen. Unter ihrer Abkürzung VOC wurde sie zu einer der mächtigsten Handelsgesellschaften der Zeit.
Die neue Gesellschaft sammelte rund 6,4 Millionen Gulden Kapital. Sie bestand aus 6 regionalen Kammern, von denen Amsterdam die größte war. Ein Direktorium, die Heeren XVII, die „17 Herren“, koordinierte die Geschäfte. Damit stand hinter den einzelnen Expeditionen ein Unternehmen, das Verluste auffangen und über Jahre hinweg größere Vorhaben finanzieren konnte.
Die Gründungsurkunde gewährte der VOC zunächst für 21 Jahre das Monopol auf den niederländischen Handel östlich des Kaps der Guten Hoffnung und westlich der Magellanstraße. Dieses Recht verpflichtete niederländische Konkurrenten, sich aus dem Geschäft fernzuhalten. Asiatische Kaufleute blieben von dieser Regelung zunächst unberührt.
Zugleich erhielt die Gesellschaft weitreichende politische Vollmachten. Sie durfte Festungen bauen und Verträge mit Herrschern schließen. Auch die Führung von Verteidigungskriegen gehörte zu ihren Rechten. In den asiatischen Gewässern verbanden ihre leitenden Männer deshalb kaufmännische Aufgaben mit militärischen Befehlen.
Stoffe für die Gewürzinseln
Das Hauptinteresse der VOC galt zunächst den Gewürzen Südostasiens. Für ihren Einkauf brauchte sie jedoch Waren, die auf den dortigen Märkten gefragt waren. Indische Baumwollstoffe eigneten sich dafür besonders gut. Ihre Vielfalt erlaubte es den Händlern, unterschiedliche Absatzmärkte zu bedienen.
Indien wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil des niederländischen Handels. Schiffe konnten dort Stoffe laden, sie in Südostasien verkaufen und mit den Erlösen Gewürze erwerben. Ein Teil dieser Gewürze ging anschließend nach Europa. Andere Waren wurden innerhalb Asiens weitergehandelt. Solche Geschäfte sollten die Mittel für neue Einkäufe beschaffen und die Abhängigkeit von Geldsendungen aus den Niederlanden verringern.
Eine der ersten Flotten der vereinigten Gesellschaft erhielt deshalb den Auftrag, auf beiden Seiten Indiens Handelsniederlassungen einzurichten. Unter Admiral Steven van der Hagen erreichte sie im Herbst 1604 Calicut an der südwestlichen Malabarküste. Dort schloss sie ein Bündnis mit dem Zamorin, dem örtlichen Herrscher, dessen Konflikt mit Portugal den Niederländern eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit eröffnete.
An der Ostküste entstand auf dieser Fahrt eine Niederlassung in Masulipatam, einem Hafen des Sultanats Golconda. Die benachbarte Koromandelküste entwickelte sich zu einem wichtigen Einkaufsgebiet für Baumwollstoffe. In den folgenden Jahren wurde Pulicat zum Hauptstützpunkt der VOC in dieser Region.
Die niederländischen Faktoren, die Angestellten der Handelsniederlassungen, mussten ihre Einkäufe über örtliche Kaufleute organisieren. Diese kannten die Hersteller und konnten größere Lieferungen zusammenstellen. Vorschüsse halfen, die benötigten Stoffe rechtzeitig bereitzustellen. Die Gesellschaft brachte Kapital und Schiffe mit; ihre Versorgung hing von Menschen ab, die bereits lange vor ihrer Ankunft Handel betrieben hatten.
Auch im Westen Indiens suchte die VOC Zugang zu den Baumwollstoffen. Nach mehreren gescheiterten Anläufen gelang es dem niederländischen Kaufmann Pieter van den Broecke 1616, eine dauerhafte Niederlassung in Surat einzurichten. Spätere Erlasse des Mogulprinzen Khurram, des künftigen Kaisers Shah Jahan, sicherten den niederländischen Händlern und ihren Waren Schutz in Gujarat. Sie handelten dort unter der Aufsicht mogulischer Beamter.
Bis zur Mitte des Jahrhunderts hatte die Gesellschaft außerdem in Bengalen Fuß gefasst. Chinsura am Hugli wurde ihr dortiger Hauptstützpunkt. Seide und Salpeter, ein Grundstoff für Schießpulver, ergänzten das Geschäft mit Baumwollstoffen. Indien lieferte der VOC damit weit mehr als Pfeffer.

Vom Handel zur Seeblockade
Der Wettbewerb mit Portugal begann auf den Märkten. Niederländische Schiffe kauften Waren an ihren Herkunftsorten und beförderten sie auf eigenen Routen. Damit entzogen sie portugiesischen Häfen Verkehr und Zolleinnahmen. In Goa sanken die Einnahmen aus dem Seezoll zwischen 1600 und den 1630er-Jahren um annähernd die Hälfte. Der portugiesische Machtbereich geriet wirtschaftlich unter Druck, während seine großen Festungen noch bestanden.
Die Rivalität war zugleich Teil eines europäischen Krieges. Die Niederlande kämpften gegen die spanische Krone, deren König damals auch Portugal regierte. Portugiesische Schiffe galten den Niederländern deshalb als Schiffe des Gegners. Angriffe versprachen sowohl Beute als auch einen Vorteil im Handel.
In den späten 1630er-Jahren verschärfte die VOC ihre Angriffe im westlichen Indischen Ozean. Zwischen 1638 und 1644 sowie erneut zwischen 1656 und 1663 kehrten ihre Flotten zur Blockade Goas zurück. Sie sollten große Handelsschiffe am Ein- und Auslaufen hindern. Dadurch erschwerten sie es der portugiesischen Verwaltung auch, bedrohte Stützpunkte mit Verstärkung zu versorgen.
Die Blockaden trafen den Fernhandel schwer. Goa blieb jedoch über Lücken in der Blockade erreichbar. Kleine Ruderfahrzeuge nutzten küstennahe Wege und brachten weiterhin Waren in die Stadt. Ladungen konnten auch außerhalb des Hafens angelandet und von dort weitertransportiert werden. Die niederländischen Kommandeure mussten erfahren, wie schwer sich der Verkehr an einer langen Küste überwachen ließ.
Portugal verfügte über begrenzte Mittel, um seine weit verstreuten Besitzungen zu verteidigen. Für die Krone gewann Brasilien mit seinem Zuckerhandel immer größere Bedeutung. Auch dort griffen die Niederländer an. Schiffe und Soldaten, die zur Verteidigung Brasiliens eingesetzt wurden, fehlten im Indischen Ozean. Die VOC konnte an mehreren Stellen Druck ausüben, während ihre Gegner entscheiden mussten, welche Besitzung sie zuerst schützen wollten.
Der Weg nach Cochin
Eine Folge von Niederlagen schwächte Portugals Macht in der Region. 1641 fiel Malakka, der wichtige Hafen an der Verbindung zwischen dem Indischen Ozean und den ostasiatischen Handelswegen. Auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, eroberten die Niederländer 1656 Colombo. Mit der Einnahme Jaffnas 1658 verloren die Portugiesen auch ihre letzten Stützpunkte auf der Insel.
Die Erfolge auf Ceylon erhöhten die Bedeutung der gegenüberliegenden indischen Küste. Portugiesische Häfen dort konnten als Ausgangspunkte für Gegenangriffe dienen. Ihre Eroberung versprach der VOC zugleich besseren Zugang zum Pfeffer Malabars. Militärische Sicherung und kaufmännisches Interesse verstärkten sich gegenseitig.
Pfeffer war für die Gesellschaft längst eine wichtige Ware. Sie bezog ihn auch aus Sumatra und hatte die Malabarküste anfangs weniger intensiv erschlossen als die Textilgebiete im Osten Indiens. Nun wollte sie den portugiesischen Einfluss an der Südwestküste beseitigen und den Export möglichst weitgehend selbst kontrollieren.
Dabei traf sie auf unterschiedliche indische Interessen. Der Zamorin von Calicut suchte Unterstützung gegen Portugal. Andere Herrscher und örtliche Gruppen hielten an ihren portugiesischen Bündnissen fest. Die niederländischen Angriffe griffen deshalb in bestehende Rivalitäten ein. Europäische Konkurrenz wurde auf der Malabarküste zu einem Bestandteil regionaler Politik.
1661 nahm van Goens Quilon ein. Anfang 1662 folgte Cranganore. Der erste Angriff auf Cochin scheiterte jedoch. Erst nach dem Eintreffen weiterer Truppen aus Batavia im Herbst konnte die Belagerung so verstärkt werden, dass die portugiesische Niederlassung im Januar 1663 kapitulierte. Anschließend fiel auch der Stützpunkt Cannanore.
In Europa hatten Portugal und die Niederlande bereits 1661 Frieden vereinbart. Die VOC-Führung in Asien wollte ihre Eroberungen jedoch vor der Umsetzung des Friedens abschließen. Portugal protestierte später gegen den Verlust Cochins und Cannanores. Die Festungen blieben in niederländischer Hand.

Eine Stadt unter neuer Herrschaft
Mit Cochin übernahm die VOC einen Hafen, dessen Bewohner durch den Handel und die lange portugiesische Präsenz miteinander verbunden waren. Die Niederlage brachte deshalb mehr als einen Wechsel der Besatzung. Die Niederländer versuchten, mögliche Konkurrenten aus ihrem neuen Stützpunkt zu entfernen.
Die Führung in Batavia ordnete an, unverheiratete portugiesische Männer nach Lissabon zu schicken. Verheiratete Portugiesen und die meisten Familien portugiesisch-asiatischer Herkunft sollten nach Goa übersiedeln. Nach einer überlieferten Schätzung mussten mehrere Tausend Menschen ihre bisherige Heimat verlassen. Die Kompanie sicherte ihre Stellung durch einen gezielten Eingriff in die Bevölkerung der Stadt.
Für den Pfefferexport brauchte sie dennoch die Hilfe ansässiger Handelshäuser. Die jüdische Kaufmannsgemeinschaft Cochins verfügte über langjährige Verbindungen an der Küste. Auch muslimische und armenische Händler konnten Kapital bereitstellen. Von solchen Kreditgebern lieh die VOC Geld, um Vorschüsse für ihre Einkäufe zu finanzieren.
Die militärische Eroberung gab der VOC die Kontrolle über die befestigte Niederlassung. Ob daraus ein einträgliches Geschäft entstand, entschieden auch ihre Beziehungen zu den Kaufleuten und zum Raja von Cochin, dessen Herrschaft im Umland fortbestand.
Die Grenzen des Monopols
Die Niederländer wollten den Pfefferexport durch ausschließliche Liefervereinbarungen an sich binden. Solche Verträge sollten verhindern, dass andere europäische Unternehmen oder unabhängige Händler dieselbe Ware erhielten. Doch Pfeffer wurde in vielen Teilen Asiens angebaut. Eine Gesellschaft, die einen Hafen kontrollierte, beherrschte damit noch lange nicht sämtliche Produktionsgebiete.
An der Malabarküste mussten Lieferungen aus dem Hinterland zum Meer gebracht werden. Die örtlichen Herrscher konnten diesen Zugang erleichtern oder behindern. Kaufleute nutzten konkurrierende Häfen und suchten Käufer, die bessere Preise boten. Solange alternative Absatzwege offenstanden, konnten sie die Lieferansprüche der Gesellschaft umgehen.
Auch in den übrigen Handelsgebieten konnte die VOC ihre militärische Stärke nur begrenzt in politische Macht umsetzen. Das zeigte sich bereits 1648 in Surat. Niederländische Beschränkungen der Schifffahrt in Südostasien hatten den Handel gujaratischer Kaufleute getroffen. Diese setzten sich bei den Mogulbehörden gegen die Gesellschaft zur Wehr. Im April wurde die niederländische Faktorei geplündert; dabei kamen ein Faktor und ein Pförtner ums Leben.
Die VOC reagierte auf solche Konflikte mit der Beschlagnahme von Schiffen. Dadurch konnte sie Entschädigungen erzwingen oder Verhandlungen in Gang bringen. Ihre Angestellten in Indien blieben jedoch auf die Duldung der jeweiligen Herrscher angewiesen. Die Seemacht der Gesellschaft bot ein Druckmittel, dessen Einsatz zugleich neue Gegner schaffen konnte.
Ein Handelsreich mit vielen Stützpunkten
1663 hatte die VOC Portugal von der Malabarküste verdrängt und eine starke Stellung im Handel des Indischen Ozeans gewonnen. Goa blieb portugiesisch, ebenso mehrere Besitzungen weiter nördlich an der Westküste. Portugiesische Kaufleute waren außerdem weiterhin in asiatischen Häfen tätig, auch außerhalb des Machtbereichs ihrer Krone.
Die niederländischen Niederlassungen in Indien erfüllten unterschiedliche Aufgaben. Pulicat versorgte das Unternehmen mit Stoffen von der Koromandelküste. Surat erschloss den Handel Gujarats. Chinsura öffnete den Zugang zu den Waren Bengalens, während Cochin den Pfefferexport Malabars sichern sollte. Über ihnen stand die asiatische Führung der Gesellschaft in Batavia, dem heutigen Jakarta auf Java.
Dieses Handelsreich beruhte auf der Verbindung seiner Stützpunkte. Kapital finanzierte die Einkäufe, Flotten transportierten die Waren und schützten die Ansprüche der Gesellschaft. Wo es ihr zweckmäßig erschien, führte sie Krieg. Für den laufenden Handel musste sie jedoch mit den Menschen zusammenarbeiten, deren Länder sie anlief.
Die Einnahme Cochins zeigte, wie weit eine mit staatlichen Vollmachten ausgestattete Handelsgesellschaft gelangen konnte. Sie konnte einen europäischen Rivalen aus einer ganzen Küstenregion verdrängen. Das Geschäft, das sie dadurch gewinnen wollte, blieb von indischen Herrschern und Kaufleuten abhängig.
Zum Weiterlesen
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Nagel, J. G. (2011): Abenteuer Fernhandel.*
Rothermund, D. (2018): Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.*
Bildnachweis
Titel: Die Eroberung von Kochi und der Sieg der niederländischen VOC über die Portugiesen im Jahr 1663 an der Küste von Mallabar. Gemälde von 1690.
Alle Bilder gemeinfrei.



