Zu Beginn des Jahres 1616 stand Thomas Roe im Palast von Ajmer vor Jahangir. Der Engländer trug einen Brief König Jakobs I. und den Titel eines Botschafters. Im Durbar, der öffentlichen Audienz des Mogulkaisers, erhielt er einen Platz unmittelbar unter dem Herrscher. Sitzen durfte dort niemand. Roe lehnte sich während des Empfangs an eine silberverkleidete Säule.
Sein Auftrag bestand darin, verlässliche Handelsbedingungen für die East India Company auszuhandeln. Die Gesellschaft war erst 15 Jahre alt und besaß in Indien weder Land noch politische Macht. Jahangir herrschte dagegen über eines der reichsten Reiche der damaligen Welt.
Die spätere Kolonialmacht trat zunächst als Bittsteller auf.
Eine Gesellschaft erhält ein Monopol
1600 erteilte Königin Elisabeth I. einer Gruppe Londoner Kaufleute eine königliche Charter. Der offizielle Name lautete Governor and Company of Merchants of London trading into the East Indies. Daraus entstand die East India Company.
Die Charter gewährte der Gesellschaft für zunächst 15 Jahre das Monopol auf den englischen Handel zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und der Magellanstraße. Andere englische Kaufleute durften in diesem riesigen Gebiet nur mit ihrer Zustimmung Geschäfte betreiben.
Die Company gehörte privaten Investoren, stand jedoch unter dem Schutz der Krone. Ihre Leitung übernahmen ein Gouverneur und 24 sogenannte Committees, die Vorläufer eines Verwaltungsrates. Sie planten die Fahrten, beschafften Schiffe und verkauften die eingeführten Waren.
Anfangs wurde jede größere Expedition weitgehend als eigenes Unternehmen finanziert. Die Investoren zeichneten Kapital für eine bestimmte Fahrt und teilten anschließend Gewinn oder Verlust. Erst nach und nach entstand eine dauerhaft finanzierte Handelsgesellschaft.
Die erste Flotte verließ England 1601 unter dem Kommando von James Lancaster. Ihr Ziel waren die Gewürzmärkte Südostasiens. Indien spielte in den ursprünglichen Plänen nur eine untergeordnete Rolle.
Die Suche nach Gewürzen
Englische Kaufleute hofften vor allem auf Pfeffer. Hinzu kamen Muskatnüsse und Gewürznelken aus den Inselwelten Südostasiens.
Dort stießen sie auf niederländische Konkurrenten. Die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie verfügte über mehr Kapital und konnte größere Flotten ausrüsten. Sie schloss Verträge mit lokalen Herrschern und versuchte, die wichtigsten Anbaugebiete unter ihre Kontrolle zu bringen.
Die Engländer hatten ein weiteres Problem. Wollstoffe und Metallwaren aus ihrer Heimat fanden in Asien kaum Käufer.
Indische Baumwollstoffe boten einen Ausweg. Die leichten, farbenprächtigen Stoffe waren auf vielen asiatischen Märkten gefragt. Englische Händler konnten sie in Indien erwerben und anschließend gegen Gewürze eintauschen. Damit wurde der Subkontinent zu einem entscheidenden Bestandteil ihrer Handelsstrategie.
Die Company richtete ihren Blick nun verstärkt auf Gujarat. Dort lag Surat, einer der wichtigsten Häfen des Mogulreiches.
Surat und der Handel des Mogulreiches
Surat verband das indische Hinterland mit dem Persischen Golf und dem Roten Meer. Von hier brachen muslimische Pilger nach Mekka auf. Kaufleute verschifften Baumwollstoffe und Indigo aus Gujarat.
Die Stadt unterstand dem Mogulreich. Hafenbeamte erhoben Zölle, während einflussreiche Kaufleute Schiffe finanzierten und den Fernhandel organisierten. Europäische Händler trafen somit auf einen Markt mit eigenen Regeln und erfahrenen Akteuren.
Auf See waren die Portugiesen weiterhin stark. Ihre Flotten kontrollierten wichtige Routen entlang der Westküste. Viele indische Schiffe führten einen portugiesischen Passierschein, den sogenannten cartaz, mit sich, um Angriffe oder Beschlagnahmungen zu vermeiden.
Für die Verwaltung von Surat stellte die Ankunft der Engländer deshalb eine politische Frage dar. Neue Händler konnten zusätzliche Zolleinnahmen bringen. Eine offene Begünstigung der Company drohte jedoch einen Konflikt mit den Portugiesen auszulösen.
William Hawkins am Kaiserhof

1608 erreichte das englische Schiff Hector die Küste vor Surat. An Bord befand sich William Hawkins, der einen Brief König Jakobs I. für Jahangir mitführte.
Die portugiesische Konkurrenz versuchte, seine Mission zu behindern. Auch die örtlichen Behörden verhielten sich vorsichtig. Hawkins reiste deshalb ins Landesinnere und erreichte 1609 den Hof des Kaisers.
Jahangir nahm den Engländer freundlich auf. Hawkins erhielt zeitweise einen Rang im kaiserlichen Dienst. Der Herrscher vermittelte ihm außerdem die Ehe mit einer armenischen Christin, die am Mogulhof lebte.
Die persönliche Gunst des Kaisers brachte der Company jedoch keine dauerhaft gesicherten Handelsrechte. Portugiesische Vertreter und mit ihnen verbundene Jesuiten warnten vor den Engländern. Kaufleute aus Surat fürchteten, dass ein Konflikt zwischen den europäischen Mächten ihren Handel gefährden könnte.
Hawkins verließ den Hof 1611. Seine Mission zeigte, dass ein freundlicher Empfang noch keine feste Rechtsgrundlage schuf. Die Company benötigte schriftliche Anordnungen, auf die sie sich gegenüber Provinzgouverneuren und örtlichen Beamten berufen konnte.
Gewalt als Verhandlungsmittel
Einige englische Kommandanten versuchten nun, die diplomatische Schwäche der Company mit Gewalt auf See auszugleichen.
Schiffe unter Henry Middleton hielten im Roten Meer Handelsfahrzeuge auf, die nach Surat zurückkehren wollten. Davon waren auch Untertanen des Mogulkaisers betroffen. Middleton wollte damit die Behörden zu Zugeständnissen zwingen.
Dieses Vorgehen war innerhalb der Gesellschaft umstritten. Englische Händler in Surat fürchteten Vergeltungsmaßnahmen. Die Überfälle beschädigten außerdem das Ansehen der Neuankömmlinge, die zur selben Zeit um eine friedliche Handelserlaubnis baten.
1612 traf eine weitere englische Flotte unter Thomas Best vor Surat ein. Die Portugiesen entsandten Kriegsschiffe aus Goa, um sie zu vertreiben.
Ende November kam es vor Suvali, in europäischen Quellen meist Swally genannt, zu mehrtägigen Gefechten. Die englischen Schiffe hielten der zahlenmäßig überlegenen portugiesischen Flotte stand und zwangen sie schließlich zum Rückzug.
Tausende Menschen sollen die Kämpfe von der Küste aus verfolgt haben. Für die Mogulbeamten war der Ausgang politisch bedeutsam. Er zeigte, dass die Portugiesen auf See verwundbar waren und die Engländer als Gegengewicht dienen konnten.
Nach den Gefechten erhielt die Company die Erlaubnis, in Surat Handel zu treiben. Ein kaiserlicher farman, eine schriftliche Anordnung, bestätigte die Vereinbarung in allgemeinen Zügen.

Was eine Faktorei war
In Surat entstand eine englische factory, auf Deutsch Faktorei. Der Begriff bezeichnete keine Produktionsstätte. Gemeint war eine Handelsniederlassung, in der die Faktoren der Company arbeiteten und Waren lagerten.
Die Engländer bezogen gemietete Räume. Sie kauften indische Produkte, führten Geschäftsbücher und organisierten den Transport zur Küste. Ihre Zahl blieb gering.
Lokale Vermittler waren für den Handel unverzichtbar. Sie kannten Preise und Qualitätsunterschiede, vermittelten Kredite und stellten Kontakte zu Produzenten her. Ohne ihre Unterstützung konnten die englischen Faktoren kaum Waren beschaffen.
Die Niederlassung unterstand weiterhin der Aufsicht mogulischer Beamter. Sie entschieden über Zölle und Unterkünfte sowie über die Bewegungsfreiheit der Händler. Die Company erhielt damit einen Handelsplatz innerhalb des Mogulreiches.
Ein wirklicher Botschafter
Die bisherigen Unterhändler waren Angestellte einer Kaufmannsgesellschaft gewesen. Am Mogulhof minderte dieser Status ihr Ansehen. Die Company bat deshalb König Jakob I., einen offiziell akkreditierten Botschafter zu entsenden.
Die Wahl fiel auf Thomas Roe. Die Gesellschaft bezahlte seine Mission, doch er trat als Vertreter des englischen Königs auf. Dadurch sollte er am Hof einen höheren Rang erhalten als gewöhnliche Kaufleute.
Roe erreichte Surat 1615. Nach seiner Reise ins Landesinnere stand er Anfang 1616 in Ajmer vor Jahangir.
Der Kaiser hielt sich damals mit seinem Hof in Ajmer auf und zog später weiter. Roe musste dem Herrscher folgen, wenn er seine Anliegen persönlich vorbringen wollte.
Der Botschafter hoffte auf einen umfassenden Vertrag. Dieser sollte der Company verbindliche Handelsrechte im gesamten Mogulreich sichern und die Entscheidungen örtlicher Beamter begrenzen.
Der Mogulhof vergab jedoch nur konkrete Privilegien, meist durch farmans. Roe musste deshalb über jede Bestimmung gesondert verhandeln.
Geschenke und Rang
Diplomatie am Mogulhof beruhte stark auf sichtbarem Rang und dem Austausch von Geschenken. Für Roe war es wichtig, als Vertreter eines Königs behandelt zu werden. Jahangir erwartete seinerseits außergewöhnliche europäische Waren.
Die Engländer brachten Gemälde und Glasarbeiten mit. Einige Geschenke weckten die Neugier des Kaisers, andere wirkten neben den Kostbarkeiten des Mogulhofes bescheiden.
Roe störte sich an den ständigen Erwartungen von Höflingen und Beamten. Er deutete den Austausch häufig als Bestechung. Innerhalb des Mogulreiches gehörten Geschenke jedoch zur politischen Kommunikation. Sie stellten Beziehungen her und machten Rangunterschiede sichtbar.
Der Botschafter musste sich an diese Umgebung anpassen, ohne den Anspruch aufzugeben, einen eigenständigen Herrscher zu vertreten. Sein Auftreten verschaffte ihm Aufmerksamkeit, beseitigte die politischen Hindernisse aber nicht.
Jahangir betrachtete die Engländer als nützliche Händler und mögliche Partner gegen portugiesischen Druck.
Die Vereinbarungen von 1618

Später hieß es oft, Roe habe einen großen Vertrag erlangt, der der Company dauerhafte Handelsrechte für ganz Indien sicherte. Das überhöht den Erfolg seiner Mission.
1618 verbesserten Anordnungen Jahangirs und seines Sohnes Prinz Khurram, des späteren Kaisers Shah Jahan, die Position der Engländer. Besonders wichtig waren die Bestimmungen für Surat.
Die Company durfte dort eine Unterkunft für ihre Händler mieten. Die Behörden sollten ihre Geschäfte schützen und sie bei portugiesischen Angriffen unterstützen. Englische Kaufleute erhielten außerdem gewisse Freiheiten bei der Regelung interner Streitfälle.
Diese Zusagen machten Surat zu einer stabileren Basis. Die territoriale Herrschaft und die Rechtsprechung über die indische Bevölkerung blieben in der Hand des Mogulreiches.
Roe hatte eine bestehende Handelsbeziehung auf festeren Boden gestellt. Eine Eroberung lag noch in weiter Ferne.
Silber gegen indische Waren
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Company bestanden fort. Weil englische Waren kaum Absatz fanden, mussten die Schiffe für größere Einkäufe vor allem Silber mitbringen.
Mit diesem Edelmetall erwarben die Faktoren Baumwollstoffe aus Gujarat. Auch Indigo wurde zu einer wichtigen Ware. Ein Teil der Produkte ging nach Europa, andere Ladungen waren für Märkte am Persischen Golf oder in Südostasien bestimmt.
Damit wurde Indien mehr als eine Zwischenstation auf dem Weg zu den Gewürzinseln. Der Subkontinent entwickelte sich zu einem eigenständigen Schwerpunkt des englischen Asienhandels.
Die Gewinne entstanden innerhalb bereits bestehender Handelsnetze. Indische Kaufleute kontrollierten große Teile des Kapitals und des regionalen Warentransports. Die Company musste sich darin einfügen.
Handel ohne Landkrieg
Roe warnte die Company vor territorialen Abenteuern. Festungen und Landkriege würden hohe Kosten verursachen und mögliche Gewinne aufzehren. Die Portugiesen und Niederländer galten ihm als Beispiele für eine kostspielige Verbindung von Handel und militärischer Expansion.
Er empfahl, die Stärke der Engländer auf See zu nutzen und an Land möglichst friedlich Handel zu treiben.
Unter den damaligen Bedingungen war dieser Rat vernünftig. Die Company konnte einzelne portugiesische Flotten herausfordern. Gegen die Armeen des Mogulreiches besaß sie keine vergleichbare Macht.
Ihre Händler waren auf den Schutz indischer Herrscher angewiesen. Auch die Versorgung ihrer Niederlassungen hing von örtlichen Märkten und Arbeitskräften ab.
Die spätere Entwicklung zum Territorialreich war 1619 keineswegs vorgezeichnet. Sie setzte politische Krisen voraus, die erst viele Jahrzehnte später entstanden.
Ein geduldeter Gast
1619 verließ Thomas Roe Indien. Surat blieb bis 1687 das westindische Hauptquartier der Company. Dann verlegte sie den Verwaltungssitz nach Bombay.
Die englische Präsenz entstand über Jahre durch die königliche Charter, die Schiffe der Company und zähe Verhandlungen. Auch Gewalt auf See gehörte zu ihrer Strategie.
Jahangir und Prinz Khurram blieben die entscheidenden politischen Autoritäten. Sie duldeten die Engländer, weil deren Handel Einnahmen versprach und ihre Flotte ein Gegengewicht zu Portugal bot.
Aus Sicht des Kaiserhofes war die Company einer von mehreren ausländischen Handelspartnern. Ihre Faktoren lebten in gemieteten Räumen und unterstanden mogulischen Beamten.
1619 war die East India Company in Indien angekommen. Herrscherin war sie dort noch lange nicht.
Zum Weiterlesen
Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.
Roy, T. (2016): The East India Company.*.
Judd, D. (2004): The Lion and the Tiger: The Rise and Fall of the British Raj, 1600–1947.*
Rothermund, D. (2018): Geschichte Indiens: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart.*
Bildnachweis
Titel: Jahangir empfängt Roe, um 1616.
Alle Bilder gemeinfrei.



