Thích Quảng Đức und die Buddhistenkrise

Mönche hatten den Fotografen der Associated Press gebeten, am Morgen des 11. Juni 1963 in die Xá-Lợi-Pagode zu kommen; es werde etwas Außergewöhnliches geschehen. Malcolm Browne fand dort Mönche und Nonnen, die bereits Totengebete sangen, und folgte dem Zug, der sich durch die Stadt bewegte, bis er an der Kreuzung von Phan Đình Phùng und Lê Văn Duyệt einen Kreis bildete. Ein Wagen hielt, ein alter Mönch stieg aus und ließ sich mitten auf der Kreuzung im Lotossitz nieder, während zwei Begleiter ihm knapp zwanzig Liter Benzin über Kopf und Schultern gossen. Thích Quảng Đức, sechsundsechzig Jahre alt, riss ein Streichholz an. In dem Moment, in dem die Flammen über ihm zusammenschlugen, begann Browne zu fotografieren, so schnell er den Film wechseln konnte; ringsum warfen sich Mönche und Nonnen zu Boden, und der Verkehr kam zum Erliegen. Etwa zehn Minuten später sank der Körper zur Seite. Als die Mitbrüder ihn in einen herbeigeschafften Sarg heben wollten, ließen sich die verbrannten Gliedmaßen nicht mehr beugen, sodass ein Arm während der Prozession zurück zur Xá-Lợi-Pagode aus dem Sarg ragte.

Bodhisattva-Thích-Quảng-Đức-Monument

Da die Zensur den Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfasste, gab Browne ihn einem Passagier einer Linienmaschine mit, der ihn nach Manila trug, wo die Agentur über die nötige Übertragungstechnik verfügte. Tags darauf stand die Aufnahme in Zeitungen rund um die Welt. Kennedy sprach sie am 15. August gegenüber Henry Cabot Lodge an, den er als Botschafter nach Saigon entsandte; Lodge hielt in seiner Erinnerung an das Gespräch fest, kaum ein Nachrichtenbild der jüngeren Geschichte habe weltweit so viele Emotionen ausgelöst. Ein einzelnes Foto aus Saigon verschärfte damit eine Krise, die Washington seit Wochen in den Berichten seiner Diplomaten verfolgte – nun stand sie in jeder Zeitung.

Fahnen in Huế

Pierre Martin Ngô Đình Thục

Der Konflikt, der in diese Flammen mündete, schwelte seit Jahren. Die Regierung Diệms, getragen von der katholischen Minderheit, bevorzugte Katholiken bei der Vergabe von Ämtern und Land, während die buddhistische Mehrheit – nach zeitgenössischen Schätzungen der weit überwiegende Teil der Bevölkerung – sich zurückgesetzt sah. Zum offenen Bruch kam es am 8. Mai 1963 in Huế, der alten Kaiserstadt und dem Zentrum des vietnamesischen Buddhismus. Wenige Tage zuvor hatte die Regierung anlässlich eines Jubiläums von Diệms Bruder, dem Erzbischof Ngô Đình Thục, päpstliche Fahnen wehen lassen; nun untersagte sie den Buddhisten, zum Geburtstag Buddhas ihre eigenen Gebetsfahnen zu zeigen. Als sich Demonstranten dagegen auflehnten und vor dem Rundfunkgebäude zusammenströmten, gingen Regierungstruppen gegen sie vor; neun Menschen kamen um, darunter zwei Kinder, die unter Schützenpanzern zu Tode kamen. Die Angaben zu den Todesursachen blieben widersprüchlich. Die Regierung führte die Toten auf den Sprengsatz eines Vietcong-Agenten zurück, während Augenzeugen berichteten, die Truppen hätten in die Menge geschossen. Der Krankenhausdirektor Dr. Quyen, der die Leichen untersuchte, hielt die tödlichen Verletzungen für Folgen einer Explosion, erklärte einem Ermittler von Amnesty International jedoch, weder er noch die Augenzeugen könnten sagen, woher sie gekommen sei.

Zwei Tage später veröffentlichte eine Gruppe buddhistischer Würdenträger, unter ihnen Thích Trí Quang, ein Manifest mit fünf Forderungen. Sie verlangten, das Verbot der Gebetsfahnen zurückzunehmen und die Buddhisten jenem Sonderstatus gleichzustellen, den die Verordnung Nr. 10 allein den Katholiken einräumte – den Buddhismus führte sie rechtlich als bloßen Verein. Weiter forderten sie, die Verhaftungen und Einschüchterungen zu beenden, Predigt und Religionsausübung freizugeben sowie die Hinterbliebenen von Huế zu entschädigen und die Urheber der Tötungen zu bestrafen. Ngô Đình Nhu jedoch, der die antibuddhistische Politik vorantrieb, bekämpfte jeden Kompromiss, und Diệm schrieb die Unruhen kommunistischer Unterwanderung zu. Aus einer religionspolitischen Auseinandersetzung wurde so binnen Wochen ein Sammelbecken für alle, die dem Regime ohnehin ablehnend gegenüberstanden.

Eine alte Praxis, eine neue Wirkung

Die Selbstverbrennung, zu der Thích Quảng Đức griff, hatte in der mahayana-buddhistischen Überlieferung eine lange Geschichte; seit dem chinesischen Mittelalter sind solche Opfer zu Ehren Buddhas bezeugt, in Vietnam selbst allerdings nur vereinzelt. Neu war die Öffentlichkeit, in die der Mönch sie stellte – eine Straßenkreuzung der Hauptstadt, in Reichweite eines wachsenden ausländischen Pressekorps, dem man den Termin zuvor gesteckt hatte. Bei der Einäscherung, so berichteten die Mönche, blieb sein Herz unversehrt; sie bewahrten es als Reliquie in der Xá-Lợi-Pagode auf, wo es zum Symbol des Widerstands wurde. Weitere Mönche und eine Nonne folgten ihm in den kommenden Monaten.

Für Washington kehrte sich damit eine Rechnung um, die ein Jahrzehnt lang aufgegangen war. Diệms Härte gegen seine Feinde hatte Mitte der fünfziger Jahre als politischer Trumpf gegolten; 1963 erschien sie als schwere Belastung. Die amerikanischen Beamten wünschten sich einen Präsidenten, der die verschiedenen Kräfte der südvietnamesischen Gesellschaft zu einer breiten antikommunistischen Front zusammenführte, doch die beiden Brüder trieben die Zersplitterung nur voran. Vollends empörte man sich in den Vereinigten Staaten über Madame Nhu, die die Selbstverbrennungen als „Barbecues“ verspottete und sich erfreut über die Aussicht auf weitere zeigte.

Die Nacht der Pagoden

Xá-Lợi-Pagode

Fünf Tage nach der Selbstverbrennung schien der Streit beigelegt. Am 16. Juni unterzeichneten Regierungsvertreter und eine buddhistische Abordnung unter dem Patriarchen Thích Tịnh Khiết ein gemeinsames Kommuniqué, das auf alle fünf Forderungen einging; Diệm setzte seine Unterschrift darunter und fügte handschriftlich an, das Zugestandene habe er ohnehin längst gebilligt. Umgesetzt wurde davon wenig. Schon wenige Tage darauf meldete die amerikanische Botschaft, das Umfeld der Nhus betreibe eine Kampagne gegen die Vereinbarung: Nhu ließ die Republikanische Jugend Eingaben einreichen, die deren Widerruf verlangten, und strich die Verhandlungen mit den Buddhisten aus den Wochenschauen der Regierung. Die Freilassung der Verhafteten blieb eine offene Forderung, und die Schikanen gegen Pagoden und Mönche dauerten den Sommer über an.

Statt weiter einzulenken, schlug das Regime schließlich zu. Kurz nach Mitternacht des 21. August 1963 stürmten Sondereinheiten und Kampfpolizei zeitgleich buddhistische Pagoden in mehreren Städten des Landes; die Xá-Lợi-Pagode, das größte Heiligtum der Hauptstadt und das Zentrum des Protests, traf es am schwersten. Über 1.400 Mönche und Anhänger wurden verhaftet; wie viele Menschen in jener Nacht starben oder verschwanden, blieb ungeklärt. Am frühen Morgen verkündete Diệm über den Rundfunk den Belagerungszustand.

Die Ausführung dieser Razzien lag in den Händen der Sonderverbände unter Oberst Lê Quang Tung, der unmittelbar der Präsidentschaft unterstand und eng mit Nhu zusammenarbeitete. Ein Teil der eingesetzten Kampfpolizisten trug dabei Fallschirmjägeruniformen – eine Täuschung, die Nhu die Verantwortung für ein Vorgehen, das Vietnamesen wie Amerikaner erzürnen musste, auf die Streitkräfte abwälzen und zugleich das Vertrauen in jene Generalität untergraben sollte, die längst gegen ihn plante. Was sich in jener Nacht hinter den Mauern abspielte, ließ sich kaum nachprüfen. Die amerikanische Untersuchung des Verteidigungsministeriums verzeichnete für Xá Lợi rund dreißig Verletzte und einige Vermisste; eine gesicherte Bilanz kam nie zustande, zumal das Kriegsrecht die Presse in ihrer Arbeit beschnitt und die ausländischen Korrespondenten sich überwiegend auf buddhistische Quellen stützen mussten.

Ein Regime ohne Rückhalt

Ngô Đình Diệm

Die amerikanischen Vertreter verlangten von Diệm, sich mit den Buddhisten zu verständigen, und erhielten widerwillige Zusicherungen, die Unterdrückung werde enden. Hinter den Kulissen aber wuchs der Groll der Brüder über den amerikanischen Druck. Nhu klagte seit Monaten, die amerikanische Präsenz sei zu groß und zu aufdringlich geworden und die Amerikaner setzten sich über die Souveränität Südvietnams hinweg.

Die Bilder aus Saigon hatten unterdessen eine Wirkung entfaltet, die sich nicht mehr zurücknehmen ließ. Brownes Aufnahme wurde zum World Press Photo des Jahres 1963 gewählt, und für ihre Berichterstattung über Südvietnam erhielten er und David Halberstam von der New York Times im Frühjahr 1964 den Pulitzerpreis für internationale Berichterstattung. Ein Beamter der amerikanischen Botschaft räumte ein, das Foto habe der buddhistischen Sache einen Schock von unschätzbarem Wert verschafft. Für ein amerikanisches Publikum, das Südvietnam als Erfolgsgeschichte präsentiert bekommen hatte, wurde der brennende Mönch zum Bild eines Staates, der auseinanderfiel.

In den folgenden Wochen steigerte sich die Wut der beiden über die amerikanische Bevormundung zu einer offenen Konfrontation. Anfang September warf eine Saigoner Zeitung, die den Nhus nahestand, dem amerikanischen Geheimdienst vor, einen Staatsstreich gegen Diệm zu betreiben. Der Vorwurf griff reale amerikanische Kontakte zu Putschisten auf, verband sie jedoch mit unbelegten Behauptungen. Zwei Monate später stürzten südvietnamesische Generäle Diệm mit amerikanischer Billigung; was die Zeitung im Einzelnen behauptet hatte, bestätigte sich damit nicht.


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Bildnachweis

Titel: Präsident Diệms mit Mönchen, Vietnam Press, ca. 1955.

Bodhisattva-Thích-Quảng-Đức-Monument: Wikimedia Commons, 源義信. CC BY-SA 4.0.

Pierre Martin Ngô Đình Thục: Wikimedia Commons, TommyJapan1. CC BY-SA 2.0.

Alle Bilder gemeinfrei.

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