Im Jahr 1382 standen die Truppen der Ming noch immer weit voneinander entfernt. Ein Teil kämpfte im Nordosten Yunnans, andere Verbände sicherten Dali und die Straßen durch das Hochland. In Kunming blieben nur wenige Soldaten zurück. Viele von ihnen waren krank, und in den Magazinen wurden die Vorräte knapp. Diesen Augenblick nutzte ein örtlicher Anführer namens Yang Ju. Seine Gefolgsleute schlossen die Provinzhauptstadt ein.

Die Generäle Xie Xiong und Feng Cheng verriegelten die Tore und hielten die Mauern besetzt. Ein Ausfall hätte ihre geschwächte Besatzung gefährdet. Die Nachricht erreichte Mu Ying im nordöstlich gelegenen Wusa. Er setzte sich mit schnellen Reitern in Richtung Kunming in Bewegung. Von Qujing aus schickte er einen Soldaten voraus, der sich heimlich in die Stadt schleichen sollte. Nach der Darstellung der späteren Ming-Geschichtsschreibung geriet dieser Bote in die Hände der Belagerer. Er behauptete, Mu Ying nähere sich mit 300.000 Mann. In der Nacht brach im Lager vor der Stadt Unruhe aus. Ein Teil der Angreifer zog sich zurück, noch bevor Mu Yings Truppen Kunming erreichten.
Der Bericht macht aus einer gefährlichen Lage eine Geschichte über Geistesgegenwart und kaiserliche Überlegenheit. Seine gewaltigen Truppenzahlen sind kaum überprüfbar. Er zeigt jedoch, wie unsicher die Herrschaft der Ming unmittelbar nach ihrem Sieg noch war. Das Eroberungsheer hatte die wichtigsten Städte eingenommen. Es kontrollierte damit vor allem die Hauptorte, während örtliche Machthaber in den Tälern weiterhin über die Bevölkerung und die Nachschubwege bestimmten.
Eine Provinz nach dem Feldzug
Mu Ying eilte nach Kunming und verfolgte die zurückweichenden Gegner in die Berge. Die amtliche Chronik meldete Zehntausende Tote und Gefangene. Solche Zahlen sollten die Größe des Sieges hervorheben und sagen wenig über die tatsächlichen Verluste aus. Auch über Yang Ju verraten die Quellen kaum etwas. Sie fassen seine Anhänger mit allgemeinen Bezeichnungen für die Bevölkerung des südwestlichen Grenzraums zusammen. Wahrscheinlich vereinte der Aufstand mehrere örtliche Gruppen, deren Interessen durch die Ankunft des Ming-Heeres bedroht waren.

Nach dem Rückzug der Belagerer setzten sich die Kämpfe fort. Mu Ying zog weiter nach Wusa und Dongchuan, in Gebiete nordöstlich der Hauptstadt, in denen die Straßen nach Sichuan verliefen. Andere Verbände marschierten gegen lokale Machthaber in Jianchang und Mangbu. Entlang der Routen entstanden befestigte Stützpunkte. Sie schützten Pässe und Flussübergänge. Zugleich dienten sie als Magazine für Waffen und Nachschub.
Der Kaiser traf 1383 eine Entscheidung, die Yunnans weitere Entwicklung prägte. Fu Youde und Lan Yu durften mit einem großen Teil des Eroberungsheeres nach Nanjing zurückkehren. Mu Ying blieb mit mehreren Zehntausend Soldaten in der Provinz. Aus einem Feldherrn wurde damit der dauerhafte militärische Statthalter eines Gebietes, das mehr als 1.500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt lag.
Der Pflegesohn des Kaisers
Mu Ying verdankte seine Stellung unmittelbar dem Gründer der Ming-Dynastie. Er war 1345 geboren worden und verlor früh seine Eltern. Zhu Yuanzhang und dessen Frau Ma nahmen den Jungen auf, lange bevor Zhu als Hongwu-Kaiser den Thron bestieg. Mu Ying wuchs im Umfeld des späteren Herrscherpaares auf und nahm als junger Offizier an den Kriegen teil, aus denen das Ming-Reich hervorging.
Der Kaiser verlieh ihm 1377 den Titel Marquis von Xiping. Mu Ying besaß damit militärische Erfahrung und hohen Rang. Seine Stellung in Yunnan stützte sich zunächst vollständig auf die kaiserliche Autorität. Gerade das machte ihn für Hongwu geeignet: Er sollte die Provinz sichern und dabei allein dem Kaiserhof verpflichtet bleiben.
Mu Ying teilte die Herrschaft über Yunnan mit mehreren Behörden. Die zivile Provinzverwaltung erhob Steuern und entschied Rechtsfälle. Ihre Beamten führten die örtlichen Behörden. Daneben leitete eine regionale Militärkommission die Garnisonen. In zahlreichen Gebieten blieben einheimische Amtsträger im Dienst, sofern sie Abgaben entrichteten und Truppen stellten. Die Ming legten diese Zuständigkeiten übereinander. Ein Präfekt konnte die registrierten Zivilhaushalte eines Bezirks verwalten, während ein Garnisonskommandant im selben Gebiet für Soldatenfamilien und Befestigungen zuständig war.
Diese Aufteilung begrenzte auch Mu Yings Stellung. Er war der wichtigste militärische Befehlshaber der Provinz und blieb dem Kaiserhof untergeordnet. Befehle und Truppenverstärkungen kamen weiterhin aus Nanjing. Über Ernennungen entschied ebenfalls die zentrale Regierung. Hongwu hielt engen Kontakt zu seinem Pflegesohn und erwartete regelmäßige Berichte über Ernteerträge und örtliche Unruhen.
Garnisonen werden zu Siedlungen
Künftig sollten die Soldaten Yunnan mit Waffen und Ackerbau sichern. Die Ming ordneten sie erblichen Militärhaushalten zu. Diese Haushalte mussten dauerhaft einen wehrpflichtigen Mann stellen; seine Angehörigen sorgten für Nachschub und arbeiteten häufig auf den Feldern. Starb ein Soldat oder wurde er untauglich, sollte der Haushalt einen Ersatzmann benennen.
Mehrere Militärhaushalte bildeten eine Garnison, auf Chinesisch wei. Ihr waren kleinere Verbände und befestigte Posten unterstellt. Ein Teil der Männer versah Wachdienst oder übte mit Waffen. Andere betrieben tuntian, militärisch verwaltete Landwirtschaft. In der frühen Ming-Zeit sollten häufig 7 von 10 Soldaten Getreide anbauen, während die übrigen für den unmittelbaren Dienst bereitstanden. Das Verhältnis ließ sich je nach Bedrohung und Ernte verändern.
Dieses System löste ein drängendes Problem. Ein Heer in Yunnan allein aus Sichuan oder dem Jangtsegebiet zu versorgen, erforderte lange Transporte über Gebirgspässe. Träger und Lasttiere verbrauchten unterwegs einen erheblichen Teil des Getreides. Felder in der Nähe der Garnisonen verkürzten den Weg zwischen Ernte und Magazin. Zugleich blieben die Soldaten an den Orten, die sie kontrollieren sollten.
Mit ihnen kamen Familien aus dem Inneren des Reiches. Viele stammten aus Jiangxi oder Huguang. Andere kamen aus dem Gebiet des unteren Jangtse oder hatten bereits in Sichuan gedient. Die Versetzung band sie über die Feldzugssaison hinaus an Yunnan. Die Militärregister erfassten auch ihre Nachkommen. Aus Lagern wurden Dörfer, aus befestigten Posten Marktorte. Ortsnamen mit Begriffen wie Lager oder Garnison erinnern in vielen Teilen der Provinz bis heute an diese Gründungen.
Getreide entscheidet über Herrschaft
Mu Ying ließ Ackerflächen erfassen und verteilte Saatgut sowie Zugtiere. Offiziere mussten melden, wie viel Land ihre Einheiten bebauten und welche Erträge sie ablieferten. Gute Ergebnisse konnten eine Belohnung bringen, Rückgänge eine Strafe. Die amtlichen Biografien schreiben Mu Yings Verwaltung mehr als eine Million mu neu bewirtschafteten Landes zu. Das mu war ein Flächenmaß, dessen genaue Größe sich regional unterschied; in der Ming-Zeit entsprach es ungefähr einem Fünfzehntel Hektar.
Die Zahl diente der Regierung vor allem als Leistungsbilanz; eine exakte Vermessung lässt sich daraus kaum ableiten. Im Dian-Becken und in der Ebene von Dali bestanden seit Jahrhunderten bewässerte Äcker. Garnisonen konnten brachliegendes Land wieder nutzen, griffen aber auch in bestehende Besitz- und Wasserrechte ein. Die Ansiedlung der Soldaten veränderte daher das Verhältnis der Militärbehörden zur ansässigen Bevölkerung.
Besonders wichtig blieb die Straße zwischen Kunming und Dali. 1387 ordnete Mu Ying an, auf der Route von Yongning nach Dali ungefähr alle 60 li einen befestigten Posten anzulegen und dort Soldaten Landwirtschaft betreiben zu lassen. Das li bezeichnete eine Wegstrecke von ungefähr einem halben Kilometer. Die Posten lagen also jeweils etwa einen Tagesmarsch auseinander. Sie boten Reisenden Schutz und versorgten den militärischen Verkehr.
Die Straße war mehr als eine Verbindung zwischen 2 Städten. Wer sie beherrschte, konnte Soldaten vom Dian-See an den Erhai verlegen und von dort weiter zu den westlichen Pässen führen. Ein Aufstand entlang dieser Achse hätte die Ming-Garnisonen voneinander getrennt. Felder und Forts bildeten deshalb gemeinsam eine militärische Infrastruktur.

Wasserbau und Handel
Auch Kunming musste mehr Menschen ernähren. Die Garnisonen und die neue Verwaltung zogen Handwerkerfamilien an. Dadurch wuchs die Bevölkerung rund um den Dian-See. Mu Yings Verwaltung setzte Arbeiten an Kanälen und am Abfluss des Sees fort. Arbeiter räumten Wasserwege und erschlossen zusätzliche Flächen für den Reisanbau. Damit knüpfte die Ming-Regierung an Anlagen an, die bereits unter den Yuan erweitert worden waren.
Die amtlichen Quellen schreiben Mu Ying außerdem die Erschließung von Salzbrunnen und die Förderung des Handels zu. Salz brachte der Regierung Einnahmen und zog Händler auf die neuen Militärstraßen. An den Garnisonen entstanden Märkte, auf denen Soldatenhaushalte Getreide und landwirtschaftliches Gerät kauften. Die militärische Besetzung begann so, Verkehrswege und Siedlungen dauerhaft zu verändern.
Dieser Wandel vollzog sich ungleichmäßig und war oft von Konflikten geprägt. Während die Behörden in den dicht besiedelten Becken Haushalte und Felder vergleichsweise genau registrieren konnten, blieben sie an den westlichen Grenzen auf die Kooperation einheimischer Amtsträger angewiesen. Leistete ein örtlicher Herr Widerstand, rückten Truppen aus den Garnisonen aus; erkannte er den Kaiser an, konnte seine Familie das Amt oft weitervererben. Mu Yings Politik etablierte so ein Grenzregime aus direkter militärischer Kontrolle und indirekter Herrschaft, das sich deutlich von den östlichen Provinzen des Reiches unterschied.
Die Familie Mu bleibt

Hongwu würdigte seinen Pflegesohn in ungewöhnlich persönlichen Worten. Mu Ying halte den Südwesten ruhig, ließ der Kaiser ihn wissen, sodass er selbst ohne Sorge schlafen könne. Hinter dem Lob stand eine praktische Abhängigkeit: Nur wenige Generäle kannten die örtlichen Bündnisse und militärischen Einrichtungen Yunnans so gut wie Mu Ying.
1392 erreichte ihn die Nachricht vom Tod des Kronprinzen Zhu Biao, mit dem er am Hof aufgewachsen war. Die offizielle Biografie berichtet, Mu Ying habe so heftig getrauert, dass er erkrankte und wenige Monate später starb. Nach damaliger chinesischer Zählung war er 48 Jahre alt. Der Kaiser erhob ihn nachträglich zum Prinzen von Qianning. Soldaten und Bewohner Yunnans sollen um ihn getrauert haben – eine Angabe, die ebenso zum Bild des vorbildlichen Feldherrn gehörte wie die hohen Zahlen seiner Siege und Ackerflächen.
Die Sonderstellung der Familie überdauerte Mu Yings Tod. Sein Sohn Mu Chun erbte den Titel des Marquis von Xiping und übernahm das militärische Kommando in Yunnan. In den folgenden Generationen blieb die Familie Mu eng mit der Provinz verbunden. Sie vermittelte zwischen dem Kaiserhof und den Machtgruppen Yunnans und blieb dabei ein kaiserliches Amtsträgergeschlecht.
Die befestigten Straßen und Soldatenfelder hatten die Region enger an das Ming-Reich gebunden. Jenseits von Dali begann jedoch eine politische Welt, in der große Tai-Führer eigene Heere aufboten. Noch zu Mu Yings Lebzeiten rückte Si Lunfa, der Herrscher von Luchuan, mit Kriegselefanten gegen die westlichen Grenzgebiete vor. Nun musste sich zeigen, ob die neuen Garnisonen nur Aufstände im Inneren niederschlagen oder auch einen mächtigen Nachbarn abwehren konnten.
Zum Weiterlesen
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Herman, J. E. (2007): Amid the Clouds and Mist. China’s Colonization of Guizhou, 1200–1700.* Detaillierte Untersuchung der mongolischen Eroberung und der Verwaltungsordnung im südwestlichen Grenzraum.
Yang, B. (2008): Between Winds and Clouds. The Making of Yunnan (Second Century BCE to Twentieth Century CE).* Langzeitstudie zur Entstehung Yunnans als Provinz und zur Einbindung regionaler Eliten.
Anderson, J. A.; Whitmore, J. K. (Hg.) (2014): China’s Encounters on the South and Southwest. Reforging the Fiery Frontier Over Two Millennia.* Sammelband mit Studien zur mongolischen Eroberung und zu Sayyid Ajalls muslimischem Erbe in Yunnan.
Bildnachweis
Titel: Südtor der Altstadt von Dali. Das Tor und die Stadtmauer wurden 1382 – direkt nach der Eroberung durch die Ming-Generäle Fu Youde, Lan Yu und Mu Ying – unter Kaiser Hongwu errichtet, um die Stadt militärisch zu sichern.
Jiayuguan-Festung: Wikimedia Commons, 碧海风. CC BY-SA 4.0.
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