Briefe vor der Belagerung – Die Ming erobern Yunnan

Duan Shi schickte seinen Bevollmächtigten Zhang Yuanheng im Frühjahr 1382 mit einem Brief in das Lager des Ming-Generals Fu Youde. Die Lage ließ kaum noch Raum für Verhandlungen. Fu Youdes Truppen hatten die Armee des mongolischen Prinzen von Liang bei Qujing geschlagen und dessen Hauptstadt am Dian-See eingenommen. Nun rückten sie nach Westen vor. Hinter den Pässen am Erhai bereitete sich Dali auf den Angriff vor.

Duan Shi bot dem Sieger regelmäßigen Tribut an. Dali werde den Kalender der Ming anerkennen und Gesandte an den Hof schicken. Im Gegenzug sollte die Familie Duan ihr Land weiterhin selbst regieren.

Fu Youde wies den Vorschlag zurück. Für ihn stand Dali innerhalb eines Gebietes, das die Ming vollständig ihrer Herrschaft unterwerfen wollten. Die Briefe zwischen beiden Männern handelten deshalb von weit mehr als den Bedingungen einer Kapitulation. Duan Shi verteidigte eine politische Eigenständigkeit, die seine Familie über Jahrhunderte bewahrt hatte. Fu Youde verlangte die Eingliederung in ein neues Reich.

Ein Yuan-Fürst nach dem Ende der Yuan

Der Hongwu-Kaiser regierte von 1368-1398

Die Ming-Dynastie war 1368 aus den Aufständen gegen die mongolische Yuan-Herrschaft hervorgegangen. Ihr Gründer Zhu Yuanzhang bestieg in Nanjing als Hongwu-Kaiser den Thron. Noch im selben Jahr nahmen seine Truppen die Yuan-Hauptstadt Dadu ein, das heutige Peking. Der Yuan-Hof wich in die Mongolei aus und setzte den Kampf fort.

In Yunnan hielt Basalawarmi, der Prinz von Liang, an seiner Loyalität zu den Yuan fest. Seine Residenz lag in Zhongqing am Dian-See, dem heutigen Kunming. Seine Abstammung aus dem Haus Dschingis Khans verlieh ihm einen Rang, dessen Grundlage die neue Dynastie in Nanjing gerade beseitigen wollte. Zugleich stützte sich seine Herrschaft auf mongolische Militärführer, muslimische Beamte und örtliche Machthaber.

Im Westen der Provinz behauptete die Familie Duan ihre Stellung. Ihre Vorfahren hatten bis zur mongolischen Eroberung von 1253 als Könige von Dali geherrscht. Khubilai Khan hatte sie anschließend als regionale Verwalter eingesetzt. Die Duan stellten Soldaten und entrichteten Abgaben, regelten am Erhai jedoch weiterhin zahlreiche Angelegenheiten aus eigener Macht.

Zwischen Basalawarmi und den Duan bestand damit ein Bündnis unter Yuan-Oberhoheit, zugleich konkurrierten beide Herrschaftszentren um Einfluss. Der Prinz kontrollierte Zhongqing und den Osten. Dali verfügte über eigene Gefolgsleute und gewachsene Verbindungen in den westlichen Tälern. Der Zusammenbruch des Yuan-Hofes löste diese Strukturen zunächst kaum auf.

Botschaften aus Nanjing

Zhu Yuanzhang versuchte mehrmals, Yunnan durch Gesandte zum Anschluss an die Ming zu bewegen. Seine Schreiben verbanden Drohungen mit Angeboten. Basalawarmi sollte die Oberhoheit des neuen Kaisers anerkennen und dafür seine Stellung behalten. Auch der Duan-Familie stellte der Hof einen Titel in Aussicht, falls sie Tribut sandte.

Die Verhandlungen scheiterten. 1373 reiste der Gelehrte Wang Yi mit einem kaiserlichen Schreiben nach Yunnan. Basalawarmi hielt ihn lange fest; schließlich wurde der Gesandte getötet. Zwei Jahre später brach Wu Yun im Auftrag der Ming zu einer weiteren Mission auf. Der Hof gab ihm mehr als 20 zuvor gefangene Gesandte Basalawarmis mit, die nun nach Yunnan zurückkehren sollten. Unterwegs drängten sie Wu Yun, mongolische Kleidung anzulegen, sich als Abgesandter der Yuan auszugeben und das kaiserliche Schreiben zu verändern. Als er sich weigerte, töteten sie ihn.

Aus der Sicht des Hongwu-Kaisers bewiesen diese Tötungen, dass Basalawarmi die neue Dynastie offen herausforderte. Der Prinz konnte dagegen darauf hoffen, dass Entfernung und Gelände einen Angriff verhinderten. Zwischen Nanjing und Zhongqing lagen die Flüsse und Berge von Huguang und Guizhou. Marschierende Heere mussten auf schmalen Wegen versorgt werden, während örtliche Machthaber Pässe sperren und Nachschubkolonnen angreifen konnten.

Der Kaiser wartete, bis seine Generäle die benachbarten Gebiete gesichert hatten. Die Eroberung Sichuans im Jahr 1371 öffnete einen Zugang von Norden. Ming-Truppen und ihre Verbündeten dehnten ihren Einfluss zugleich über Guizhou aus. Im Sommer 1381 entschied Zhu Yuanzhang, die Frage mit einem großen Feldzug zu lösen.

Drei Generäle ziehen nach Südwesten

Fu Youde, Malerei aus dem 15. oder 16. Jhdt.

Den Oberbefehl erhielt Fu Youde. Er hatte während der Bürgerkriege mehrfach die Fronten gewechselt, bevor er sich Zhu Yuanzhang anschloss. Für die Ming eroberte er Teile Nordchinas und führte 1371 den Angriff auf Sichuan. Er kannte damit Feldzüge in schwer zugänglichen Gebieten.

Lan Yu und Mu Ying dienten ihm als stellvertretende Befehlshaber. Mu Ying war im Haushalt Zhu Yuanzhangs aufgewachsen und gehörte zu den engsten Militärs des Kaisers. Die offiziellen Chroniken schreiben dem Heer 300.000 Soldaten zu. Diese Zahl sollte auch die Macht des Herrschers zeigen und lässt sich kaum überprüfen. Sicher ist, dass die Ming neben Kämpfern große Mengen an Trägern, Pferden und Vorräten mobilisierten.

Fu Youde ließ einen Teil des Heeres von Yongning nach Wusa ziehen, im Grenzraum des heutigen Sichuan, Guizhou und Yunnan. Mit der Hauptmacht rückte er durch das westliche Huguang nach Guizhou vor. Seine Soldaten besetzten Puding und Puan. Lokale Anführer, die bisher Basalawarmi unterstützt hatten, wechselten auf die Seite der Ming oder ließen das Heer passieren.

Die getrennten Marschrouten zwangen die Verteidiger, ihre Kräfte aufzuteilen. Zugleich sicherten sie verschiedene Wege für den Nachschub. Fu Youde zielte auf Qujing. Die Stadt lag an der wichtigsten Verbindung vom Hochland Guizhous in das Becken des Dian-Sees. Wer Qujing hielt, kontrollierte den östlichen Zugang nach Zhongqing.

Die Schlacht am Baishi-Fluss

Basalawarmi schickte seinen Befehlshaber Darlima mit einem großen Heer nach Qujing. Ende 1381 trafen die Gegner am Baishi-Fluss aufeinander. Spätere Berichte schildern dichten Nebel, der den Anmarsch der Ming verdeckte. Als die Sicht aufklarte, standen sich beide Heere an den Ufern gegenüber.

Fu Youde erwog einen unmittelbaren Angriff über den Fluss. Mu Ying riet zu einer Täuschung. Ein Teil der Ming-Truppen bereitete vor den Augen der Gegner den Übergang vor, während eine andere Abteilung weiter flussabwärts das Wasser überquerte.

Diese Soldaten tauchten im Rücken des Gegners auf, hissten Fahnen und bliesen Signalhörner. Das Erschallen der Hörner im Rücken der Verteidiger erzeugte die Illusion einer riesigen Streitmacht.

Mu Ying, Zeichnung von 1753

In diesem Augenblick setzte Mu Ying die Hauptmacht in Bewegung. Schwimmer gingen mit langen Klingen voraus. Weitere Soldaten folgten durch das Wasser, anschließend griff die Reiterei ein. Darlimas Heer verlor seine geschlossene Stellung. Die Ming nahmen den Befehlshaber gefangen und öffneten damit den Weg zum Dian-See.

Die ausführliche Schilderung stammt aus der offiziellen Ming-Überlieferung. Sie hebt Mu Yings Umsicht und den geordneten Angriff hervor, während sie die Verluste des Gegners stark vergrößert. Der Ausgang der Schlacht steht dennoch fest: Basalawarmi verlor bei Qujing seine wichtigste Feldarmee. Örtliche Amtsträger mussten nun entscheiden, ob sie weiter für einen Fürsten kämpften, der seine Hauptstadt kaum noch verteidigen konnte.

Lan Yu und Mu Ying zogen nach Zhongqing. Basalawarmi verließ die Stadt und nahm sich am Dian-See das Leben. Ein hoher Amtsträger namens Guanyinbao übergab die Residenz. Die Ming benannten den bisherigen Yuan-Verwaltungsbezirk Zhongqing in Präfektur Yunnan um. Von dem bereits unter den Yuan ausgebauten Provinzsitz aus setzten sie ihre weiteren Eroberungen fort.

Dalis Angebot

Der Tod des Prinzen von Liang beseitigte die mongolische Spitze Yunnans. Am Erhai bestand mit der Duan-Familie weiterhin eine regionale Herrschaft, die älter war als die Yuan-Dynastie. Duan Shi bereitete die Pässe vor Dali auf eine Belagerung vor und suchte zugleich eine Verständigung mit Fu Youde.

Sein erster Brief begründete dieses Angebot mit der früheren Stellung Dalis außerhalb der unmittelbar verwalteten Gebiete chinesischer Dynastien. Duan Shi berief sich auf das Verhältnis, das die Herrscher von Nanzhao und Dali während der Tang- und Song-Zeit zu den Herrschern Chinas gepflegt hatten. Eine kleinere Gesandtschaft sollte jährlich, eine größere alle drei Jahre Tribut bringen. Damit bot er ein Verhältnis an, wie es der Hof in Nanjing auch mit benachbarten Herrschern pflegte.

Fu Youde behandelte den Überbringer schroff. Duan Shi schrieb daraufhin erneut. Selbst der Han-Kaiser Wu habe in Yunnan nur begrenzte Erfolge erzielt, erklärte er sinngemäß. Auch die Mongolen seien vor allem wegen Zhongqings in das Land gekommen. Das Ming-Heer habe sein Ziel erreicht und könne umkehren.

Die Antwort des Generals war eindeutig. Die Ming hätten den Prinzen von Liang vernichtet und damit sogar einen alten Gegner der Duan beseitigt. Nun müsse Dali kapitulieren. Fu Youde sprach im Namen einer Dynastie, die sich nach ihren Siegen zur umfassenden Neuordnung des Landes berechtigt sah. Duan Shis Rückgriff auf Tang und Song galt ihm als überholt.

Die erhaltenen Schreiben wurden erst in einer Sammlung des späten 16. Jahrhunderts überliefert. Ihre genaue Form kann daher redaktionell bearbeitet worden sein. Der Gegensatz, den sie festhalten, passt jedoch zur politischen Lage: Dali bot Gefolgschaft auf Distanz, die Ming verlangten unmittelbare Unterwerfung.

Der Angriff auf die Pässe

Dali lag zwischen dem Erhai und dem steil aufragenden Cangshan-Gebirge. Im Süden schützte der Xiaguan-Pass den Zugang zur Ebene. Duan Shis Männer konzentrierten dort ihre Verteidigung.

Lan Yu und Mu Ying teilten ihre Kräfte. Wang Bi zog mit einer Abteilung östlich des Erhai nach Norden und bedrohte den oberen Zugang zur Ebene. Die Hauptmacht rückte auf Xiaguan vor. Eine weitere Einheit unter Hu Hai suchte nachts einen Weg durch das Gebirge. Seine Soldaten überquerten einen Fluss, stiegen an Felsen und Bäumen empor und erreichten die Höhen hinter den Verteidigern.

Am Morgen sahen die Männer am Pass Ming-Fahnen auf dem Cangshan. Gleichzeitig griff Mu Ying von vorn an und führte seine Soldaten durch das Wasser. Die Verteidiger mussten nun mit einem Angriff aus mehreren Richtungen rechnen. Ihre Stellung brach zusammen, und die Ming drangen in die Ebene vor.

Dali fiel im Frühjahr 1382. Duan Shi geriet in Gefangenschaft. Die offizielle Geschichtsschreibung meldet, dass auch Angehörige seiner Familie nach Nanjing gebracht wurden. Der Hongwu-Kaiser gab zwei Nachkommen neue Namen und Militärposten fern ihrer Heimat. Damit entzog er der Familie jene örtliche Machtbasis, die selbst Khubilai Khan mehr als ein Jahrhundert zuvor bestehen gelassen hatte.

Eine spätere Ortsbeschreibung bewahrte eine andere Erinnerung an die Eroberung. Westlich der Stadt ließ Fu Youde der Überlieferung nach die Gebeine gefallener Gegner zu einem Hügel aufschichten. Angehörige konnten ihre Toten dort kaum einzeln bestatten und brachten Opfergaben bei einem nahen Tempel dar. Der Bericht entstand lange nach dem Feldzug, zeigt aber, wie Bewohner Dalis dessen Gewalt im Gelände verorteten.

Soldaten werden Siedler

Hochgebirge nordwestlich von Dali

Die Einnahme von Zhongqing und Dali beendete den Feldzug nur auf dem Papier. Zahlreiche lokale Herren unterwarfen sich zunächst und erhoben sich später erneut. In den Bergen nordwestlich von Dali sowie im Grenzraum zwischen Yunnan und Guizhou dauerten die Kämpfe an. Krankheiten und knappe Vorräte schwächten die Garnisonen.

Fu Youde empfahl deshalb, Soldaten an strategischen Punkten anzusiedeln. Sie sollten das Land bewachen und zugleich Felder bestellen. Aus den Feldlagern entstanden befestigte Garnisonen. In Dali richteten die Ming bereits 1382 eine solche Militärstation ein. Weitere Stützpunkte folgten entlang der Straßen und in besonders umkämpften Tälern.

Neben der Militärverwaltung entstand eine zivile Provinzverwaltung mit Präfekturen und Kreisen. In vielen Regionen bestätigte der Hof örtliche Herren als erbliche Amtsträger. Die Ming beseitigten somit die mächtigsten Konkurrenten in Zhongqing und Dali, blieben im übrigen Yunnan aber auf lokale Vermittler angewiesen.

Mu Ying erhielt schließlich den Auftrag, die Provinz dauerhaft zu sichern. Seine Familie sollte diese Stellung über Generationen behalten. Die Eroberung von 1381 und 1382 brachte Yunnan deshalb mehr als einen Dynastiewechsel. Sie beendete die Sonderstellung der Duan am Erhai und legte ein Netz aus Garnisonen über das Hochland. An diesen Militärsiedlungen entschied sich in den folgenden Jahrzehnten, wie weit die Herrschaft aus Nanjing tatsächlich in die Täler und über die Pässe reichte.


Zum Weiterlesen

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Herman, J. E. (2007): Amid the Clouds and Mist. China’s Colonization of Guizhou, 1200–1700.* Detaillierte Untersuchung der mongolischen Eroberung und der Verwaltungsordnung im südwestlichen Grenzraum.

Yang, B. (2008): Between Winds and Clouds. The Making of Yunnan (Second Century BCE to Twentieth Century CE).* Langzeitstudie zur Entstehung Yunnans als Provinz und zur Einbindung regionaler Eliten.

Anderson, J. A.; Whitmore, J. K. (Hg.) (2014): China’s Encounters on the South and Southwest. Reforging the Fiery Frontier Over Two Millennia.* Sammelband mit Studien zur mongolischen Eroberung und zu Sayyid Ajalls muslimischem Erbe in Yunnan.

Bildnachweis

Titel: Blick vom Cangshan-Gebirge aus: Altstadt von Dali und Jizu-Gebirge.

Alles eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.

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