Das Ende des Drachenthrons – Nam Phương und das Erlöschen der Nguyễn-Dynastie

Marie-Thérèse Nguyễn Hữu Thị Lan stand vor dem klaren Quell eines Berges an der Küste Annams, als sie einen Moment innehielt, um von dem Wasser zu trinken. Es war der März 1934, und die junge Frau, die zuvor in den Pariser Elite-Internaten der Couvent des Oiseaux studiert hatte, reiste ihrem Bräutigam entgegen. In den Tälern vor der kaiserlichen Hauptstadt Huế erwartete sie bereits eine Eskorte von Mandarinen auf kleinen Phu-Yen-Pferden, um sie durch die drei Mauern der Purpurnen Stadt in den Palast zu führen.

Zwischen Tradition und Moderne

Nam Phương, 1934

Die Hochzeit mit Kaiser Bảo Đại war ein kalkuliertes politisches Signal in einer Zeit des Umbruchs. Der Kaiser wollte mit der Wahl seiner Frau einen modernen Staat repräsentieren. Er brach mit der Tradition der Nguyễn-Dynastie, nach der die Ehefrauen der Herrscher den Titel einer Kaiserin (Hoàng hậu) erst posthum erhielten. Marie-Thérèse jedoch stieg unmittelbar nach der Zeremonie zur Kaiserin auf und erhielt den Namen Nam Phương – „Duft des Südens“.

Doch der Glanz der viertägigen Feierlichkeiten täuschte über tiefe Spannungen hinweg. Die Braut war gläubige Katholikin, was in der überwiegend buddhistischen Bevölkerung und am konservativen Hof Widerstand auslöste. Besonders die Kaiserinmutter Doan Huy betrachtete die Verbindung mit Argwohn. Der Hof korrespondierte intensiv mit dem Vatikan, um den Fortbestand der kaiserlichen Ahnenriten zu garantieren und gleichzeitig Nam Phương den Verbleib in ihrer Kirche zu ermöglichen.

Die Kaiserin als Stilikone

Nam Phương, 1938

In den folgenden Jahren wurde Nam Phương zum Gesicht eines modernen Indochinas. Bei ihrem Staatsbesuch in Europa im Sommer 1939 löste sie eine Modewelle aus. Während Beobachter in Rom erwarteten, dass sie bei einer Audienz mit Papst Pius XII. das protokollarische Schwarz tragen würde, erschien sie in einer goldenen, mit Drachen bestickten Tunika, einem roten Schal und silberglänzenden Seidenhosen. Mit dieser Wahl betonte sie die kaiserliche Pracht ihrer Heimat gegenüber den westlichen Konventionen.

Eine Krone im Sturm der Revolution

Das Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte die imperiale Herrschaft. Als Japan die französische Kolonialmacht verdrängte und kurz darauf die Unabhängigkeitsbewegung der Việt Minh die Macht übernahm, änderte sich die Rolle der Kaiserin radikal. Im September 1945, während der sogenannten „Goldenen Woche“, bewies Nam Phương diplomatisches Geschick. Sie war die Erste, die öffentlich ihren gesamten kostbaren Goldschmuck auf einen rot gedeckten Tisch legte, um die leeren Staatskassen der jungen Regierung zu füllen.

Zeitgenossen werteten dies als patriotische Tat, um die Handlungsfähigkeit des neuen Staates zu stützen und den Platz der Dynastie in der neuen Ordnung zu behaupten. Dieser Akt brachte ihr Respekt weit über die monarchistischen Kreise hinaus ein. Doch die politische Realität blieb unerbittlich. Bảo Đại dankte ab, wurde zum Berater der Regierung Ho Chi Minhs und wandte sich im Exil zunehmend anderen Frauen zu. Nam Phương übernahm die Verantwortung für ihre fünf Kinder und leitete fortan die Arbeit des vietnamesischen Roten Kreuzes.

Einsamkeit im Exil

Die letzten Jahre der „letzten Kaiserin“ waren geprägt von der Trennung von ihrer Heimat. Nachdem Bảo Đại 1955 endgültig entmachtet worden war, lebte Nam Phương getrennt von ihm in Frankreich. In der Abgeschiedenheit des Landguts Domaine de La Perche im Dorf Chabrignac führte sie ein bescheidenes Leben, bis sie im September 1963 im Alter von 49 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb. Ihr schlichtes Grab auf dem örtlichen Friedhof markiert das Ende der kaiserlichen Ära Vietnams.


Zum Weiterlesen

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Bao Dai (1980): Le dragon d’Annam. Französisch. Die Memoiren des letzten Kaisers, die auch Einblicke in seine Ehe und die politische Rolle Nam Phuongs geben.*

Logevall, F. (2012): Embers of War: The Fall of an Empire and the Making of America’s Vietnam. Zur historischen Einordnung des Zusammenbruchs der Nguyễn-Dynastie.*

Bildnachweis

Titel: Nam Phương und Kronprinz Bảo Long in Paris.

Alle Bilder gemeinfrei.

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