Die Entstehung der Peking-Oper

Am 25. September 1790 herrschte in den Straßen Pekings eine außergewöhnliche Unruhe. Zum achtzigsten Geburtstag des Qianlong-Kaisers waren die besten Künstler des Reiches geladen, um das Jubiläum des Herrschers zu Ehren der Qing-Dynastie zu feiern. Unter den Gästen befand sich die Sanqing-Truppe aus der Provinz Anhui. Ihr Auftritt markierte den Wendepunkt der chinesischen Theatergeschichte: Die Musiker und Schauspieler präsentierten den Erhuang-Stil, eine klanggewaltige Form des Regionaltheaters, die das bis dahin dominierende, eher aristokratisch-elegante Kunqu-Theater rasch in den Schatten stellte.

Aus dieser Begegnung zwischen den Truppen aus Anhui, späteren Einflüssen aus Hubei und dem lokalen Dialekt der Hauptstadt entwickelte sich über fünf Jahrzehnte hinweg das, was wir heute als Peking-Oper kennen. Es war kein am Reißbrett entworfenes Kunstwerk, sondern ein organisches Amalgam aus Akrobatik, Tanz und einem höchst kodifizierten Gesang, das schließlich um 1845 seine vollendete Form fand.

Die Sprache der Farben und Masken

Schauspieler, 1981

In der Peking-Oper ist nichts dem Zufall überlassen. Ein Zuschauer des 19. Jahrhunderts benötigte kein Programmheft, um die Gesinnung einer Figur zu verstehen; ein Blick auf das Gesicht genügte. Die Akteure nutzen die Technik des Jing, der bemalten Gesichter, um Charakterzüge unmissverständlich zu visualisieren. Erscheint ein General mit tiefroter Maske auf der Bühne, weiß das Publikum sofort: Hier handelt es sich um eine loyale, aufrechte Persönlichkeit, wie den legendären Kriegsgott Guan Gong. Ein weiß geschminktes Gesicht hingegen warnt vor Arglist und Machtgier – ein klassisches Merkmal für den historischen Staatsmann Cao Cao. Diese visuelle Semiotik ermöglichte es, komplexe historische Stoffe auch einem Publikum nahezubringen, das der klassischen Schriftsprache nicht mächtig war.

Die vier Säulen der Darstellung

Schauspieler, 1981

Die Ausbildung der Künstler folgt bis heute dem Prinzip der Vier Fertigkeiten (Si Gong). Diese bilden das Fundament jeder Performance und werden oft über ein Jahrzehnt lang trainiert. Der Gesang (Chang) stellt dabei die emotionale Basis dar, wobei oft extrem hohe Tonlagen erreicht werden, um die Akustik der historischen Freiluftbühnen zu füllen. Das Rezitativ (Nian) ist ein stilisierter Sprechgesang, der die Handlung vorantreibt, während die Darstellung (Zuo) durch eine präzise Mimik und Körpersprache jede innere Regung der Figur verdeutlicht. Den spektakulären Abschluss bildet der Kampf (Da), der aus hochgradig choreografierter Akrobatik und kunstvollen Waffengängen besteht.

Minimalismus auf der Bühne

Schauspieler, 1981

Während das westliche Theater des 19. Jahrhunderts opulente Kulissen errichtete, setzte die Peking-Oper konsequent auf die Vorstellungskraft. Die Bühne war traditionell ein quadratisches Podest, fast leer, bis auf einen Tisch und zwei Stühle. Ein Schauspieler, der mit einer Peitsche in der Hand rhythmisch über die Bühne schreitet, reitet für das Publikum ein Pferd. Zwei Flaggen, auf denen Räder gemalt sind, flankieren einen Akteur und verwandeln ihn in den Passagier eines Wagens. Diese Abstraktion dient nicht der Sparsamkeit, sondern der Ästhetik: Die Bewegung des menschlichen Körpers soll im Zentrum stehen, nicht der tote Gegenstand. Jeder Schritt und jede Handbewegung folgt einer kreisförmigen Logik, um scharfe Winkel zu vermeiden und eine fließende Schönheit zu erzeugen.

Zwischen Tradition und Revolution

Schauspielerin, 1981

Die Geschichte der Peking-Oper im 20. Jahrhundert spiegelt die Zerrissenheit Chinas wider. Unter der Schirmherrschaft der Kaiserinwitwe Cixi war sie noch das unangefochtene kulturelle Zentrum des Hofes. Mit dem Ende des Kaiserreiches 1912 begannen Reformen: Frauen, denen der Auftritt zuvor streng untersagt war, eroberten sich allmählich die Bühne, die zuvor von männlichen Darstellern in Frauenrollen (Dan) dominiert worden war. Einer der bedeutendsten Akteure dieser Ära war Mei Lanfang. In den 1930er Jahren reiste er in die USA und die Sowjetunion, wo er unter anderem Bertolt Brecht tief beeindruckte. Mei Lanfangs subtile Darstellung weiblicher Charaktere definierte die Ästhetik der Oper neu und machte sie weltweit bekannt.

Doch mit der Kulturrevolution (1966–1976) geriet die traditionelle Kunstform in existenzielle Not. Unter Jiang Qing, der Ehefrau Mao Zedongs, wurden die klassischen Stoffe über Kaiser, Gelehrte und Konkubinen als feudalistisch gebrandmarkt. An ihre Stelle traten die acht Modell-Opern (Yangbanxi), die kommunistische Heldenepen mit den Mitteln der Peking-Oper erzählten – nun ergänzt um Klaviere und westliche Orchesterklänge.

Ein Erbe vor neuen Herausforderungen

Pekingoper in Shanghai, 2014

Nach 1976 kehrten die alten Stücke zurück, doch die Welt hatte sich verändert. Das moderne Peking bietet Konkurrenz durch Film, Popmusik und digitale Medien. Die langen, oft mehrere Stunden dauernden Aufführungen kämpfen um ein jüngeres Publikum. Heute reagieren die Ensembles in Peking, Shanghai und Taiwan mit einer Doppelstrategie: Einerseits wird die Tradition als UNESCO-Weltkulturerbe streng gepflegt, andererseits experimentieren Regisseure mit modernen Lichteffekten, gekürzten Fassungen und sogar Adaptionen von Shakespeare-Dramen. Die Frage bleibt, wie viel Modernisierung das Genre verträgt, ohne seinen Kern – die suggestive Kraft der Abstraktion – zu verlieren. Ob die Peking-Oper als lebendiges Theater oder als museales Denkmal überlebt, wird sich in den nächsten Jahrzehnten an den Kassen der großen Theaterhäuser entscheiden.


Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Wen Zhang (2020): Peking-Oper – Belcanto auf Chinesisch: Einführung der Ausbildungsmethodik.*

Chengbei Xu (2012): Peking Opera: Introductions to Chinese Culture.*

Bildnachweis

Titel: Pekingoper, 二进宫, Wikimedia Commons, Augustokremo. CC BY-SA 4.0.

Pekingoper Shanghai: Wikimedia Commons, 陈文. CC BY-SA 2.0.

Schauspieler von 1981 (3 Bilder): Hans Bernhard (Schnobby). Wikimedia Commons. CC BY-SA 3.0.

Schreibe einen Kommentar