Die Vermessung Tibets – Sven Hedins Forschungsreise 1906 bis 1908

Der Tagesbeginn folgt einem festen Ablauf. Sven Hedin prüft Barometer und Kompass, bevor die Karawane aufbricht, lässt sich die Zahl der Tiere nennen und erkundigt sich nach Wasserstellen, die meist nur als ungefähre Richtungen bekannt sind. Der Weg führt über flaches Hochland, dann wieder bergan, vorbei an Salzseen, deren Ränder im Morgenlicht weiß schimmern. Am Horizont stehen die schwarzen Zelte von Nomaden, wenig später tauchen Reiter auf, bewaffnet und aufmerksam. Sie halten die Gruppe an, stellen Fragen, schicken Boten voraus. Für Hedin gehören diese Begegnungen ebenso zum Alltag wie das abendliche Zeichnen der Route, wenn er im Zelt Entfernungen überträgt und Höhen notiert.

Wege ins Hochland

Hedin im Himalaya, 1908

Als Hedin um die Jahrhundertwende erneut nach Zentralasien aufbricht, richtet sich sein Blick gezielt auf Tibet. Frühere Reisen haben ihn durch das Tarimbecken, die Taklamakan und an den Lop Nor geführt. Nun will er das Hochland selbst durchqueren, Flussläufe klären und Gebirgszüge erfassen, die auf europäischen Karten nur angedeutet erscheinen. Bereits 1901 hatte er versucht, als Mongole verkleidet zur verbotenen Stadt Lhasa vorzudringen, wurde jedoch kurz vor dem Ziel entdeckt und abgewiesen. Auch während der großen Expedition von 1906 bis 1908 bleibt Lhasa für ihn unerreichbar.

Stattdessen sucht Hedin nach Alternativen. Er nähert sich Tibet von Norden und Westen, nutzt Grenzräume und bewegt sich mit einer kleinen Karawane durch Gebiete, die nur saisonal begangen werden. Seine Aufzeichnungen zeigen einen Forscher, der den Weg aus dem Gelände heraus liest. Karten helfen nur begrenzt. Der Zustand des Bodens, die Lage von Schneegrenzen und der Verlauf von Tierpfaden bestimmen Richtung und Tempo. Mehrfach muss die Route geändert werden, weil Wasserstellen versiegt sind oder Tiere erschöpft zurückbleiben.

Begegnungen unterwegs

Die Reise verläuft selten unbeobachtet. Tibetische Beamte erscheinen an Lagern oder lassen Reiter vorausgehen, um Fragen zu stellen und Anweisungen zu übermitteln. Die Reiter notieren Namen und lassen Boten weiterziehen. Manchmal bleibt die Karawane stehen, bis eine Rückmeldung eintrifft, manchmal wird eine neue Route vorgegeben. Hedin beschreibt diese Situationen knapp. Er wartet, erklärt seine Ziele und setzt den Weg fort, sobald es möglich ist. Für den Fortgang der Reise bedeuten diese wiederkehrenden Abläufe Pausen, Umwege und Richtungswechsel.

Alltag der Expedition

Tibet-Karte, 1909

Der Alltag ist von körperlicher Anstrengung bestimmt. Höhen von oft über fünftausend Metern fordern Mensch und Tier. Hedin notiert Kopfschmerzen, Erschöpfung und Schlaflosigkeit, hält diese Beobachtungen jedoch kurz. Sein Interesse gilt den Messwerten. Barometrische Höhenbestimmungen, astronomische Ortsfixierungen und Skizzen der Umgebung füllen seine Tagebücher.

Die Karawane besteht aus Kamelen, Yaks und einer kleinen Gruppe lokaler Begleiter. Sie kennen Wasserstellen, lesen Wetterzeichen und vermitteln bei Begegnungen. Ihre Arbeit entscheidet über das Vorankommen, bleibt in den veröffentlichten Berichten jedoch meist im Hintergrund. Namen tauchen auf, Tätigkeiten werden erwähnt, eine eigene Darstellung erhalten sie selten.

Shigatse und Tashilhunpo

Panchen Lama, 1907

Da ihm der Weg nach Lhasa endgültig versperrt bleibt, konzentriert sich Hedin 1907 auf Shigatse, das religiöse Zentrum Westtibets. Dort hält er sich im Umfeld des Klosters Tashilhunpo auf und wird vom Panchen Lama empfangen, den er in seinen Schilderungen als Tashi-Lama bezeichnet. Der Aufenthalt erfolgt unter Auflagen, Bewegungen werden begleitet, Begegnungen kommen über Vermittlung zustande. Hedin nimmt dabei eine Sonderrolle ein: einerseits unerwünschter Eindringling, andererseits Gast, dem der Panchen Lama mit einer Mischung aus Neugier und zeremonieller Höflichkeit begegnet. Hedin beschreibt das Kloster, religiöse Zeremonien und das Stadtbild, richtet seinen Blick auf Gebäude, Abläufe und sichtbare Zeichen religiöser Autorität. Die Begegnungen mit dem geistlichen Oberhaupt schildert er mit Faszination, nutzt aber zugleich die Gelegenheit, um Informationen über das Umland zu sammeln. In diesen Passagen fließen das heilige Tibet der Klöster und das wilde Tibet der unentdeckten Pässe in seinen Berichten zusammen.

Karten und Ergebnisse

Der wissenschaftliche Ertrag der Reise liegt vor allem in der Kartographie. Hedin klärt den Verlauf mehrerer Flüsse, beschreibt Seen und ordnet Gebirgszüge, die später als Transhimalaya bekannt werden. Seine Karten beruhen auf systematischer Feldarbeit und sorgfältiger Auswertung der Messungen. Sie finden Eingang in Atlanten und bleiben über Jahre hinweg Referenz.

Gesellschaftliche und politische Zusammenhänge treten in diesen Arbeiten kaum hervor. Der Raum steht im Mittelpunkt, nicht seine Geschichte oder seine sozialen Verhältnisse. Diese Gewichtung entspricht dem Selbstverständnis der damaligen Geographie.

Einordnung aus heutiger Sicht

Hedin im 1. Weltkrieg an der deutschen Ostfront, 1916

Aus heutiger Perspektive lassen sich Hedins Tibetreisen zeitlich und methodisch einordnen. Sie entstehen in einer Phase, in der geographische Forschung auf Vermessung, Beschreibung und Kartierung zielt. Hedin liefert dabei Daten von hoher Genauigkeit. Was er sieht, bestimmen die Routen, die ihm offenstehen – Wege, Pässe, Lager und die Orte, zu denen man ihn führt.

Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Ansehen Hedins belastet, da er wiederholt die Nähe politischer Führungen, darunter insbesondere des nationalsozialistischen Deutschlands, suchte.


Zum Weiterlesen
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Sven Hedin (2001): Wildes, heiliges Tibet.* Eine Auswahl aus dem Werk „Transhimalaya“, 1909.

Bildnachweis

Titel: Ximencuo, Tibet. Wikipedia Commons, Tenace10.

Alles gemeinfrei.

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