Die Toten vom Solo-Fluss – Das letzte Kapitel des Homo erectus

Schädel V aus Ngandong

Am Ufer des Solo-Flusses auf der indonesischen Insel Java ereignete sich vor rund 110.000 Jahren eine Katastrophe, die uns heute einen seltenen Einblick in die letzten Tage einer untergegangenen Menschenform gewährt. Während der Regenzeit wälzten sich gewaltige Schlammströme, sogenannte Lahare, durch das Flusstal bei Ngandong und rissen alles mit sich, was im Weg stand.

In den Jahren 1931 bis 1933 stießen die Geologen Carel ter Haar und Willem Frederik Florus Oppenoorth bei Ausgrabungen auf eine ungewöhnliche Ansammlung von Fossilien. Zwischen den Knochen von Elefanten, Tigern und Wasserbüffeln entdeckten sie vierzehn Schädeldächer und zwei Schienbeine. Diese Überreste gehören zum sogenannten Solo-Menschen (Homo erectus soloensis), der heute als die am spätesten überlebende Population des Homo erectus weltweit gilt.

Die Anatomie der Solo-Menschen

Die gefundenen Schädel zeichnen das Bild einer Menschenform, die zwar die typischen Merkmale ihrer Spezies bewahrt, sich aber deutlich von ihren Vorfahren unterscheidet. Besonders markant ist das Gehirnvolumen: Mit durchschnittlich über 1.000 Kubikzentimetern liegt es bereits im unteren Bereich dessen, was wir von heute lebenden Menschen kennen.

Anatomischer Steckbrief: Solo-Mensch

  • Massive Knochenwände: Teilweise doppelt bis dreimal so dick wie die des heutigen Menschen.
  • Überaugenwülste: Markant ausgeprägt, jedoch mit einer charakteristischen, leichten Kerbe in der Mitte über der Nase.
  • Schädelform: Flache Stirnpartien, die hinter breiten Wangenknochen zurückweichen – ein Merkmal für eine kraftvolle Gesichtsstruktur.
  • Körperbau: Schätzungen gehen von ca. 158 Zentimetern Körpergröße aus, wobei Männer deutlich kräftiger gebaut waren als Frauen.

Überleben in der Savanne Javas

Der Solo-Mensch lebte in einer kühleren Epoche. Da der Meeresspiegel damals niedriger lag, war Java zeitweise mit dem asiatischen Festland verbunden. In diesem weitläufigen Raum bewegten sich die Jäger durch ein Mosaik aus Grasland und lichten Baumgruppen. Dort teilten sie sich den Lebensraum mit einer beeindruckenden Tierwelt.

Die technologischen Hinterlassenschaften der Ngandong-Gruppe sind schlicht, aber zweckmäßig. In den Sedimentschichten stießen die Forscher auf einfache Abschläge und Schaber aus Chalzedon und Jaspis. Besonders faszinierend sind Funde, die auf eine Bearbeitung von Knochen hindeuten: Durchbohrte Hirschgeweihe und Stachel von Rochen legen nahe, dass die Jäger bereits spezialisierte Werkzeuge wie Speerspitzen oder Dolche nutzten. Ob diese Stücke jedoch wirklich von Menschenhand geformt wurden, lässt sich aufgrund der starken Abnutzung durch das Flusswasser nicht mehr eindeutig klären.

Das Rätsel der zertrümmerten Schädel

Spekulative Rekonstruktion eines vollständigen Schädels von Franz Weidenreich

Ein düsteres Detail beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten: Nahezu alle gefundenen Überreste weisen Beschädigungen an der Basis auf. Frühe Forscher wie der Anthropologe Franz Weidenreich vermuteten dahinter rituellen Kannibalismus oder Kopfjagd – man habe die Knochen gewaltsam geöffnet, um an das Gehirn der Opfer zu gelangen.

Neuere Untersuchungen sprechen eher für eine natürliche Ursache. Die gewaltigen Kräfte der Schlammlawinen könnten die dünneren Partien am Schädelgrund ebenso zertrümmert haben wie die jahrelange Reibung im Flussbett. Dass sich fast nur Schädeldächer erhalten haben, liegt an ihrer extremen Dicke und ihrer runden Form, die sie im Wasser wie Steine rollen lässt, während filigranere Skelettteile zermahlen werden. Zudem lassen Tiger oft nur den fleischarmen Kopf ihrer Beute zurück, der dann in den Fluss gespült wurde.

Eine evolutionäre Sackgasse

Drei Schädel, die Sir William Turner 1884 zur rassischen Einteilung der australischen Ureinwohner benutzte.

Lange Zeit ordnete die Wissenschaft den Solo-Menschen als direkten Vorfahren der indigenen Australier ein. Man glaubte an eine ununterbrochene Linie vom frühen Java-Menschen bis zu den heutigen Aborigines. Moderne Datierungen und genetische Analysen haben diese Theorie jedoch widerlegt. Die Ngandong-Funde sind etwa 110.000 Jahre alt; der moderne Mensch (Homo sapiens) erreichte die Region erst rund 60.000 Jahre später.

Warum der Homo erectus nach über 1,5 Millionen Jahren auf Java schließlich verschwand, lässt sich heute nicht mehr lückenlos rekonstruieren. Die führende Theorie geht davon aus, dass sich die Umwelt dramatisch wandelte: Mit dem Ende der letzten Kaltzeit breiteten sich tropische Regenwälder aus. Der Solo-Mensch verlor dadurch sein gewohntes Jagdrevier und zugleich die Megafauna, von der er lebte. Andere Forscher vermuten die Ursache in der Konkurrenz durch neue Arten. Zu dieser Zeit könnten bereits Denisova-Menschen in Asien präsent gewesen sein, die über effizientere Jagdtechniken oder eine höhere Anpassungsfähigkeit verfügten. Ob der Waldwuchs, neue Konkurrenten oder klimatische Schwankungen den Ausschlag gaben – mit den Toten vom Solo-Fluss endet das letzte bekannte Kapitel des Homo erectus.


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Hessisches Landesmuseum (2015): Homo – Expanding Worlds: Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen.*

Bildnachweis

Titel: Ngandong-Ausgrabung, 1932.

Alle Bilder gemeinfrei.

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