Battambang 1976 – Der Plan und der Hunger

Ieng Thirith reiste Mitte 1976 in den Nordwesten Kambodschas. Die Ministerin für Sozialangelegenheiten war mit Außenminister Ieng Sary verheiratet. Pol Pot war ihr Schwager. Ihr Auftrag führte sie nach Battambang, in eine Region, von der die Parteiführung besonders hohe landwirtschaftliche Erträge erwartete.

Was sie dort sah, passte kaum zu diesen Erwartungen. Menschen lebten ohne feste Unterkünfte auf den Reisfeldern. Viele litten an Durchfall oder Malaria. Thirith erinnerte sich später daran, wie krank die Arbeiter wirkten.

Sie vermutete eingeschleuste Agenten in den eigenen Reihen.

Damit zeigte sich bereits eine Logik, die für die folgenden Jahre entscheidend wurde. Die Parteiführung setzte Produktionsziele, die viele Regionen kaum erfüllen konnten. Wenn Ernten ausblieben und Menschen hungerten, suchte sie die Ursache zunehmend bei Saboteuren innerhalb der eigenen Organisation.

Im August 1976 erhielt dieses Wirtschaftsmodell einen Namen und einen Zeitplan.

Pol Pot stellt den Vierjahresplan vor

Vom 21. bis 23. August versammelten sich Parteikader in Phnom Penh. Pol Pot erläuterte ihnen den Vierjahresplan zum Aufbau des Sozialismus, der für die Jahre 1977 bis 1980 gelten sollte.

Das Dokument umfasste rund 110 Seiten. Im Zentrum stand die Landwirtschaft. Kambodscha sollte seine Produktion rasch steigern und vor allem Reis exportieren. Mit den Devisen wollte die Regierung zunächst Maschinen kaufen. Später sollten die landwirtschaftlichen Überschüsse den Aufbau einer eigenen Industrie finanzieren.

Die Parteiführung glaubte, dafür auf eine besondere Ressource zurückgreifen zu können: Arbeitskraft.

Geld spielte innerhalb des Landes keine Rolle mehr. Private Märkte waren abgeschafft. Die Kooperativen konnten große Gruppen von Menschen für landwirtschaftliche Projekte einsetzen. Aus Sicht der Parteiführung hatte die Revolution damit Hindernisse beseitigt, die einer schnellen wirtschaftlichen Entwicklung im Weg gestanden hatten.

Gerade der Nordwesten erhielt eine Schlüsselrolle. Die Region um Battambang gehörte traditionell zu den wichtigsten Reisanbaugebieten des Landes. Im Vierjahresplan sollte die Nordwestzone etwa 30 Prozent der jährlichen Reisproduktion Kambodschas liefern. Die Führung rechnete mit Erträgen von ungefähr drei Tonnen Reis pro Hektar.

Die Vorgaben trafen auf eine Bevölkerung, die bereits geschwächt war.

Hunderttausende Vertriebene aus Phnom Penh und anderen Städten waren seit 1975 in den Nordwesten gebracht worden. Viele hatten zuvor nie Landwirtschaft betrieben. In einigen Gebieten mussten sie Wälder roden oder neue Anbauflächen erschließen. Malaria und Unterernährung schwächten die Arbeitskräfte zusätzlich.

Die Planung in Phnom Penh orientierte sich trotzdem an den gewünschten Erträgen.

Wasser für eine neue Landwirtschaft

Die Partei setzte große Hoffnungen auf Bewässerung.

Reis sollte verlässlicher angebaut werden, wenn Felder weniger von den jahreszeitlichen Niederschlägen abhingen. Dazu mussten Dämme gebaut und Kanäle ausgehoben werden. Die Arbeitsgruppen der Kooperativen lieferten dafür die Menschen.

Schon 1975 wurden Bewohner im Nordwesten neben dem Reisanbau zum Bau von Bewässerungsanlagen eingesetzt. In anderen Gebieten ging die Führung noch weiter. Ein Überlebender aus dem Südwesten berichtete, seine Arbeitsgruppe habe während der Regenzeit Dämme bauen müssen, obwohl die Felder vorbereitet werden mussten. Der Reis sei dadurch zu spät gepflanzt worden und anschließend im Wasser zugrunde gegangen.

Das Beispiel zeigt ein Grundproblem der Planung. Lokale landwirtschaftliche Erfahrung verlor an Gewicht, wenn sie den Vorgaben der Funktionäre widersprach.

Die Führung wollte zugleich möglichst wenig von ausländischer Technik abhängig sein. Arbeitskraft sollte fehlende Maschinen ersetzen. Später überlieferte Aussagen aus der Parteiführung zeigen, dass Pol Pot Regionen besonders hervorhob, die mit möglichst wenig Technik auskamen.

Menschen gruben deshalb Erde mit einfachen Werkzeugen und bewegten große Mengen Boden durch körperliche Arbeit.

Die Bewässerungsanlagen waren damit mehr als Infrastruktur. Sie verkörperten die Vorstellung, dass eine politisch mobilisierte Bevölkerung materielle Grenzen durch Arbeit überwinden könne.

Ein Hektar am Tag

Für die Bewohner der Kooperativen wurde der Plan zu einer Abfolge konkreter Arbeitsvorgaben.

Der Bauer Savy arbeitete 1976 in einer Baumwollkooperative bei Sisophon. Er erhielt einen Wagen und zwei Rinder. Seine tägliche Aufgabe bestand darin, einen Hektar Land zu pflügen. Nachts musste er dort noch nicht arbeiten, und Savy beschrieb die Bedingungen im Vergleich zu anderen Orten als erträglich.

Wenige Kilometer entfernt konnten die Verhältnisse deutlich härter sein.

In einem anderen Dorf waren etwa 300 Familien in Arbeitsgruppen eingeteilt worden. Sie bauten Reis an und arbeiteten an Bewässerungsanlagen. 1975 konnten sie noch zusätzlich Nahrung sammeln. Im folgenden Jahr sanken die Rationen. Im Juli 1976 begann das gemeinsame Essen in großen Gruppen. Die Bewohner erhielten immer häufiger dünnen Reisbrei. Ein Überlebender erinnerte sich daran, dass die Menschen schließlich Teile von Bananenpflanzen aßen.

Diese Unterschiede zwischen einzelnen Dörfern blieben während der gesamten Herrschaft bestehen. Es gab Regionen mit ausreichenderen Rationen und andere mit akuter Unterversorgung.

Die Richtung der Entwicklung war jedoch vielerorts ähnlich. Die Partei kontrollierte einen wachsenden Anteil der Ernte und verlangte gleichzeitig mehr Arbeit.

Der Reis verlässt die Region

Besonders deutlich wurde dieser Widerspruch Ende 1976.

Im Nordwesten verschlechterte sich die Ernährungslage. Unterdurchschnittliche Regenfälle trafen auf eine bereits geschwächte Bevölkerung. Berichte aus der Region sprechen davon, dass teilweise erheblich weniger Fläche bestellt werden konnte als im Vorjahr.

Arbeiter in mobilen Brigaden erhielten kleinere Rationen und mussten länger arbeiten. Krankheiten nahmen zu. In den Dörfern konnten manche Familien noch heimlich Hühner schlachten oder zusätzliche Nahrung sammeln. Auch solche Möglichkeiten versuchten lokale Funktionäre zunehmend zu kontrollieren.

Gleichzeitig wurde Reis abtransportiert.

Ein Überlebender berichtete, während der Erntezeit hätten Arbeiter täglich große Mengen Getreide auf Züge verladen, die in Richtung Phnom Penh fuhren. Nach seiner Darstellung wurden pro Saison etwa 40.000 Tonnen aus diesem Gebiet abgeführt. Ein Teil des Reises gelangte später auch in den Export.

Damit entstand eine Situation, die aus Sicht der betroffenen Bevölkerung schwer nachvollziehbar sein musste. Menschen produzierten Reis und litten gleichzeitig unter sinkenden Rationen.

Für die Parteiführung ergab der Abtransport innerhalb des Vierjahresplans durchaus Sinn. Reis war zugleich Lebensmittel und Exportgut. Seine Ausfuhr sollte Kapital für den weiteren wirtschaftlichen Aufbau beschaffen.

Die Versorgung der Produzenten stand damit in Konkurrenz zu den Investitionszielen des Staates.

Sen Kra-Ob, Duftreis aus Kambodscha

November 1976

Seng Horl, der Lehrer aus der vorherigen Folge, lebte inzwischen im Distrikt Preah Net Preah im Nordwesten.

Noch im September 1976 beschrieb er die Lage als erträglich. Seine Gruppe kochte selbst. Die Menschen konnten Wasserpflanzen sammeln und Muscheln suchen. Manche bauten Gemüse in der Nähe ihrer Unterkünfte an.

Dann gingen die Vorräte aus.

Im November und Dezember starben in Horls Dorf nach seiner späteren Aussage etwa 400 von 1.100 Menschen. Er erinnerte sich an so viele Tote, dass die Bewohner Schwierigkeiten hatten, sie zu begraben.

In einem benachbarten Gebiet lagen mehrere Kooperativen mit Vertriebenen aus Phnom Penh auf tief gelegenem Gelände. Während der Regenzeit standen große Flächen unter Wasser. Gemüse ließ sich dort kaum anbauen. Horl berichtete von extrem hohen Verlusten unter den dort lebenden Familien. Auch wenn einzelne von Überlebenden genannte Zahlen schwer unabhängig zu überprüfen sind, zeigen die Berichte eine schwere Hungerkrise im Nordwesten Ende 1976.

Dabei hatte der Krieg seit mehr als einem Jahr aufgehört.

Menschen hungerten nun in einem Land, in dem die Parteiführung den Anbau und die Verteilung von Lebensmitteln kontrollierte.

Was die Führung sah

Ieng Thirith, 2011

Die Führung wusste zumindest teilweise von der schlechten Versorgung.

Ieng Thiriths Reise nach Battambang zeigt, dass Berichte über Krankheit und mangelhafte Unterkünfte die Spitze des Regimes erreichten.

Der Verdacht auf Sabotage gewann an Bedeutung, je deutlicher die Produktionsziele verfehlt wurden.

Ein Beispiel liefert Ruos Nhim, der langjährige Sekretär der Nordwestzone. In einem später unter Zwang entstandenen Geständnis Hu Nims wird ihm Kritik an den Produktionsvorgaben zugeschrieben. Demnach habe Ruos Nhim beklagt, dass die Partei hohe Erträge fordere, ohne ausreichend Maschinen bereitzustellen.

Solche Gefängnisaussagen müssen mit Vorsicht behandelt werden. Sie entstanden unter Bedingungen, die gezielt bestimmte Antworten produzierten. Dennoch passt die dort überlieferte Auseinandersetzung zu einem gut belegten Konflikt zwischen den Vorgaben des Zentrums und den tatsächlichen Produktionsbedingungen im Nordwesten. Die Parteiführung deutete das Verfehlen der Getreideziele zunehmend als Ergebnis von Sabotage.

Damit veränderte sich die politische Bedeutung einer schlechten Ernte.

Ein gescheiterter Plan konnte zur Frage der Loyalität werden.

Erfolgsmeldungen aus Phnom Penh

Die öffentliche Darstellung des Regimes folgte einer anderen Richtung.

Im Januar 1977 meldete Phnom Penh Radio einen Reisüberschuss von etwa 150.000 Tonnen. Diese Menge sollte exportiert werden, um Mittel für den weiteren Aufbau des Landes zu beschaffen.

Am zweiten Jahrestag der Machtübernahme trat Khieu Samphan in Phnom Penh auf. Er sprach über Fortschritte auf dem Land und über die Bewässerung. Die Bevölkerung, so stellte er es dar, unterstütze die Politik der Führung.

Zu diesem Zeitpunkt hatten einige Regionen bereits schwere Versorgungskrisen erlebt.

Die Regierung hielt dennoch an ihrem Modell fest. Reisexporte sollten Devisen bringen. Der Vierjahresplan verlangte weiterhin erhebliche Produktionssteigerungen.

1977 exportierte Demokratisches Kampuchea nach späteren Angaben rund 100.000 Tonnen Reis in verschiedene Länder. Die Einnahmen blieben deutlich unter den ehrgeizigen Zielen des Plans.

Für Menschen in den Kooperativen spielte diese Differenz zwischen Plan und tatsächlichem Export kaum eine Rolle. Entscheidend war, wie viel Reis nach der Ablieferung in ihren Gemeinschaftsküchen verblieb.

Der Nordwesten soll liefern

Gerade hier zeigt der Vierjahresplan seine härteste Seite.

Für andere Zonen enthielten die Berechnungen Mengen, die für den lokalen Verbrauch vorgesehen waren. Beim Nordwesten fehlt eine solche Position in der erhaltenen Planung, obwohl die Region 1977 etwa 1,62 Millionen Tonnen Reis produzieren sollte.

Ob lokale Funktionäre diese Vorgabe exakt umsetzten, lässt sich für jedes Gebiet nur einzeln beantworten. Doch der Plan setzte ein eindeutiges Signal. Der Nordwesten sollte vor allem produzieren.

Gleichzeitig lebten dort besonders viele Menschen, die erst nach April 1975 angesiedelt worden waren und häufig über wenig Erfahrung mit den örtlichen Anbaumethoden verfügten.

Fehler beim Anbau verschlechterten die Ernten und verschärften den Hunger.

Für die Parteiführung lag darin zunehmend ein politisches Problem.

Vom Misserfolg zum Feind

1977 begann die Zentrale, die Führung des Nordwestens systematisch auszutauschen.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten lieferten dafür einen wichtigen Hintergrund. Parteidokumente machten angebliche Saboteure für vernichtete Ernten und fehlenden Reis verantwortlich. Gefangene mussten später gestehen, Felder absichtlich beschädigt oder Geräte zerstört zu haben.

Die Erklärung entlastete den Plan.

Wenn ein Produktionsziel unerreichbar gewesen war, musste die Führung ihre Vorgaben überprüfen. Wenn Feinde den Plan sabotiert hatten, konnte das Ziel bestehen bleiben und die Suche nach Verrätern ausgeweitet werden.

Genau das geschah.

Bis Ende 1977 waren die führenden Funktionäre aller sieben Sektoren der Nordwestzone von Säuberungen betroffen. Kader aus anderen Regionen rückten nach und übernahmen ihre Positionen.

Damit verbanden sich zwei Entwicklungen, die bislang getrennt erscheinen konnten.

Auf den Feldern kämpften Menschen mit Hunger und Überarbeitung. In den Parteizentralen suchten Funktionäre nach den Verantwortlichen für verfehlte Produktionszahlen.

Der Weg zwischen beiden führte in die Sicherheitsgefängnisse.

Der Terror des Regimes erfasste zugleich ethnische und religiöse Minderheiten. Die Roten Khmer griffen in deren Sprache und Glaubenspraxis ein.

Für die muslimischen Cham und die vietnamesische Minderheit wurde diese Politik zur existenziellen Bedrohung.


Farmer, 2015

Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Kiernan, B. (2004): How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism, and Communism in Cambodia.* Ausführliche Untersuchung der kambodschanischen kommunistischen Bewegung von der Kolonialzeit bis zur Machtübernahme 1975.

Kiernan, B. (2008): The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge, 1975–79.* Standardwerk zur Herrschaft der Roten Khmer, mit einer knappen Einführung in die Vorgeschichte der Bewegung.

Bultmann, D. (2017): Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten.* Überblick über Entstehung, Herrschaft und Fortleben der Roten Khmer mit besonderem Augenmerk auf Organisation und Gesellschaftsumbau.

Bildnachweis

Titel: Berghäuser, 2022. Wikimedia Commons, Pem peak. CC BY-SA 4.0.

Thirith: Wikimedia Commons. Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia. CC BY-SA 2.0.

Reis: Wikimedia Commons, Yon.sovann. CC BY-SA 4.0.

Farmer: Wikimedia Commons, Krzysztof Golik. CC BY-SA 4.0.

Schreibe einen Kommentar