Wat Arun – der Tempel, der nach der Morgenröte heißt

Bei Tagesanbruch erreichte General Taksin im Jahr 1767 mit seinen Booten eine Tempelanlage am Westufer des Chao Phraya. Wenige Monate zuvor hatten birmanische Heere die siamesische Hauptstadt Ayutthaya niedergebrannt, und der Feldherr suchte einen Ort für sein neues Reich. Der Überlieferung nach gelobte er beim Anblick des Heiligtums im ersten Licht des Morgens, es wiederherzustellen; er gab ihm den Namen Wat Chaeng, „Tempel des anbrechenden Tages“.

Vom Dorftempel zur Königskapelle

Makok

Der Tempel war weit älter als die Stadt Bangkok. Schon zur Zeit des Ayutthaya-Königreichs stand hier ein buddhistisches Heiligtum, das nach der Ortschaft Bang Makok den Namen Wat Makok trug – nach der Makok-Frucht, einer olivenähnlichen Wildpflaume. Auf französischen Karten aus der Regierungszeit König Narais (1656–1688) ist die Anlage bereits verzeichnet.

Unter Taksin rückte sie ins Zentrum der Macht. Der Tempel lag auf dem Gelände des königlichen Palastes von Thonburi und beherbergte für einige Jahre den Smaragd-Buddha, das bedeutendste Kultbild des Landes. Taksins Nachfolger Rama I. verlegte die Hauptstadt jedoch 1782 an das gegenüberliegende Ostufer, wo das heutige Bangkok entstand, und ließ 1785 den Smaragd-Buddha dorthin in den neu errichteten Wat Phra Kaeo bringen. Der alte Tempel verlor seinen Rang und verfiel.

Wie der Prang in die Höhe wuchs

Erst Rama II. (1809–1824) nahm sich der verwahrlosten Anlage wieder an. Er ließ sie restaurieren und benannte sie nach Aruna, dem hinduistischen Gott der Morgenröte, in Wat Arun um. Zugleich fasste er den Plan, den zentralen Prang – den turmförmigen Spitzbau nach dem Vorbild der Khmer-Architektur – auf rund siebzig Meter zu erhöhen. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen unter Rama III. (1824–1851); nach neun Jahren stand der Hauptprang 1851 vollendet da. Wie hoch er genau aufragt, geben die Quellen bis heute unterschiedlich an: Die Angaben reichen von knapp 67 bis über 80 Meter.

Seine Oberfläche ist über und über mit buntem Porzellan verkleidet. Chinesische Handelsboote hatten die Scherben als Ballast nach Bangkok gebracht, wo Handwerker sie in den Kalkputz drückten und zu Blüten und Fabelwesen fügten. Vier kleinere Prang umstehen den Hauptturm und bilden mit ihm ein Abbild des Weltbergs Meru, um den sich nach hinduistisch-buddhistischer Vorstellung der Kosmos ordnet. Der französische Naturforscher Henri Mouhot notierte 1858, die gut sechzig Meter hohe Spitze sei für Reisende, die vom Meer flussaufwärts fuhren, das erste Zeichen der nahenden Hauptstadt.

Die umstrittene Erneuerung

Restauriert wurde Wat Arun immer wieder, unter Rama V. (1868–1910) ebenso wie im Vorfeld der Zweihundertjahrfeier Bangkoks von 1982. Am gründlichsten erneuerten Handwerker den Prang zwischen 2013 und 2017: Sie ersetzten zahllose zerbrochene Kacheln und trugen dort Kalkputz auf, wo frühere Arbeiten Zement hinterlassen hatten. Als die Gerüste fielen, erschien der Turm manchen Betrachtern wie gebleicht. Die thailändische Denkmalbehörde hielt dagegen, man habe den ursprünglichen Zustand behutsam wiederhergestellt. Es war ein Streit darüber, wie ein Bauwerk aussehen soll, dessen „Original“ über zwei Jahrhunderte hinweg immer wieder neu entstanden ist.


Zum Weiterlesen

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Volker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands, 2010– Deutsches Standardwerk zum schnellen Einstieg.*

Bildnachweis

Titel: Wat Arun vom Schiff aus gesehen.

Makok: Wikimedia Commons, Renjusplace. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder eigene Aufnahmen.

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