Der Seidenkönig, der im Dschungel verschwand

Jim Thompson

Am Nachmittag des Ostersonntags, dem 26. März 1967, verließ Jim Thompson den „Moonlight Bungalow“ in den malaysischen Cameron Highlands zu einem Spaziergang. Am Vormittag hatte die kleine Reisegesellschaft noch den Gottesdienst der All Souls‘ Church besucht und anschließend gepicknickt; nun ruhten die Gastgeber. Thompson kehrte nicht zurück. Weder er noch eine verwertbare Spur tauchten je wieder auf.

Ein Amerikaner in Bangkok

Seidenspinnen am Thompson-Haus

Der Vermisste zählte damals zu den bekanntesten Amerikanern Asiens. 1906 im Bundesstaat Delaware geboren und als Architekt ausgebildet, kam Thompson gegen Kriegsende mit dem Office of Strategic Services (OSS) nach Südostasien – jenem amerikanischen Geheimdienst, aus dem später die CIA hervorging. Für die alliierte Untergrundbewegung Seri Thai sollte er den Widerstand gegen die japanische Besatzung unterstützen, doch die Kapitulation Japans kam der geplanten Operation zuvor.

Nach dem Krieg blieb er in Bangkok. 1948 gründete er mit dem Kaufmann George Barrie die Thai Silk Company. Den entscheidenden Auftrieb verdankte das Unternehmen der Kostümbildnerin Irene Sharaff, die 1951 für das Broadway-Musical The King and I thailändische Seide verwendete und den Stoff damit international bekannt machte. Thompson ließ vorwiegend in Heimarbeit weben, sodass die Weberinnen ein eigenes Einkommen erwirtschaften und zugleich ihren Platz im Haushalt behalten konnten.

Die größte Suche der Region

Thompsons Verschwinden löste eine der aufwendigsten Suchaktionen aus, die Südostasien bis dahin erlebt hatte. Mehrere hundert malaysische Polizisten durchkämmten das dichte Bergland, unterstützt von britischen Soldaten. Selbst einheimische Fährtenleser und der niederländische Hellseher Peter Hurkos, den man zuvor im Fall des „Boston Strangler“ zurate gezogen hatte, beteiligten sich – ohne Ergebnis.

Über sein Schicksal kursieren seither die widersprüchlichsten Vermutungen. Die Erklärungen reichen vom Unglück im unwegsamen Gelände bis zur politisch motivierten Entführung, belegen ließ sich keine. Dass ein 61-Jähriger, der als OSS-Mann ein Überlebenstraining durchlaufen hatte, wenige hundert Meter vom Haus entfernt spurlos verschwand, machte den Fall nur rätselhafter.

Ein Nachleben mit Fragezeichen

1974 erklärte ihn ein thailändisches Gericht für tot. Sein Wohnhaus am Klong – ein aus Teilen mehrerer alter Teakholzhäuser zusammengefügtes Gebäude, das er ab 1958 errichten ließ – gehört heute zu den meistbesuchten Museen Bangkoks. Ein anderes Licht auf den Sammler warf 2023 eine Untersuchung thailändischer Behörden: Ihr zufolge hatte Thompson in den 1960er Jahren Antiquitäten außer Landes geschafft und in den USA sowie in Großbritannien verkauft, darunter Stücke aus der Ausgrabungsstätte Si Thep; auch soll er mit dem später wegen Kunstschmuggels angeklagten Händler Douglas Latchford in Verbindung gestanden haben.

Zum Weiterlesen

Links, die mit Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Warren, W. (1998): Jim Thompson. The Unsolved Mystery.* Standardbiografie eines Autors, der Thompson persönlich kannte.

Bildnachweis

Titel: Jim-Thompson-Haus. Wikimedia Commons, Don Ramey Logan. CC BY-SA 3.0.

Frauen in Seide am Thompson-Haus. Wikimedia Commons, Don Ramey Logan. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar