Hu Weiyong 1380 – Das Ende des Kanzleramts

Im Jahr 1380 ließ der Hongwu-Kaiser Zhu Yuanzhang seinen ranghöchsten Minister Hu Weiyong in Nanjing verhaften. Der Kaiser warf ihm Hochverrat und die Vorbereitung einer Verschwörung vor. Hu wurde hingerichtet. Anschließend traf Zhu eine Entscheidung, die weit über den Fall seines Ministers hinausreichte: Er ordnete die Zentralregierung grundlegend neu und zog wichtige Entscheidungen unmittelbar an sich.

Zwölf Jahre nach der Gründung der Ming-Dynastie verlagerte sich damit der Schauplatz von den Feldzügen gegen äußere Gegner in das Innere der Regierung. Zhu Yuanzhang hatte seine Rivalen besiegt und die Yuan aus Dadu vertrieben. Nun beschäftigte ihn die Frage, wie viel Macht ein Minister unmittelbar unter dem Kaiser besitzen durfte.

Ein Minister steigt auf

Hu Weiyong gehörte zu den Männern, die ihren Aufstieg der neuen Dynastie verdankten. Er stammte wie mehrere frühe Gefolgsleute Zhu Yuanzhangs aus dem Gebiet des heutigen Anhui und machte zunächst unter Li Shanchang Karriere. Li hatte Zhu bereits während des Bürgerkriegs unterstützt und gehörte nach der Dynastiegründung zu den einflussreichsten Beamten am Hof.

Hu stieg in der Zentralverwaltung weiter auf. Schließlich stand er an der Spitze des Zentralen Sekretariats, jener Behörde, die zwischen dem Kaiser und einem großen Teil der zivilen Verwaltung arbeitete. Unter ihr standen die sechs Ministerien, die etwa Personalfragen und Steuern bearbeiteten. Der Kanzler konnte dadurch an einer entscheidenden Stelle eingreifen: Viele Angelegenheiten gelangten über seine Behörde zum Kaiser, während kaiserliche Anweisungen denselben Weg zurück in die Verwaltung nahmen.

Für Zhu Yuanzhang war eine solche Stellung zunehmend problematisch. Sein Regierungsstil beruhte auf persönlicher Kontrolle. Er las Eingaben und entschied über Ernennungen. Auch in Verwaltungsfragen griff er häufig selbst ein. Ein mächtiger Kanzler konnte zwischen ihm und den Beamten einen eigenen Einflussbereich aufbauen.

Hu Weiyong verfügte dafür über günstige Voraussetzungen. Mit seinem Aufstieg wuchs auch der Kreis der Beamten, die ihre Stellung ihm oder seinen Verbündeten verdankten. Am Hof entstanden Beziehungen, bei denen Empfehlungen und persönliche Loyalitäten über Karrieren entscheiden konnten. Zhu beobachtete solche Verbindungen mit wachsendem Misstrauen.

Verdacht am Hof

Zhu Yuanzhang als alter Herrscher

Der Konflikt entwickelte sich über mehrere Jahre. Zhu Yuanzhang hatte schon zuvor hohe Beamte bestraft, sobald er eigenständige Machtbildung vermutete. Bei Hu traf diese grundsätzliche Haltung auf einen Minister, der tatsächlich erheblichen Einfluss auf Personalentscheidungen und den Zugang zum Kaiser gewonnen hatte.

1380 griff Zhu ein. Hu wurde beschuldigt, gemeinsam mit Verbündeten einen Umsturz vorbereitet zu haben. Die Regierung behandelte den Fall als Hochverrat, und Hu verlor innerhalb kurzer Zeit Amt und Leben.

Wie weit die ihm vorgeworfene Verschwörung tatsächlich reichte, lässt sich heute schwer bestimmen. Die überlieferten Berichte entstanden unter einer Dynastie, die Hu bereits zum Verräter erklärt hatte. In späteren Darstellungen kamen weitere Anschuldigungen hinzu, darunter Kontakte zu Gegnern der Ming außerhalb des Reiches. Einige dieser Vorwürfe traten erst nach Hus Tod deutlicher hervor.

Gesichert ist dagegen die Reaktion des Kaisers. Zhu Yuanzhang nutzte den Fall für einen tiefen Eingriff in die Regierung.

Der Kaiser schafft das Kanzleramt ab

Nach Hus Hinrichtung ernannte Zhu keinen Nachfolger. Er beseitigte das Zentrale Sekretariat in seiner bisherigen Form und ließ die sechs Ministerien künftig direkt an den Kaiser berichten. Damit verschwand die höchste zivile Vermittlungsstelle zwischen dem Herrscher und den Ministerien.

Die Veränderung war unmittelbar im Arbeitsalltag des Hofes spürbar. Angelegenheiten, die zuvor über den Kanzler und seine Mitarbeiter koordiniert worden waren, gelangten nun direkt auf den Schreibtisch des Kaisers. Zhu Yuanzhang nahm diese zusätzliche Arbeit bewusst auf sich. Sie entsprach seiner Vorstellung von Herrschaft: Der Kaiser sollte seine Beamten persönlich überwachen und wichtige Beschlüsse selbst fassen.

Für die Minister änderten sich zugleich die Wege, über die sie ihre Angelegenheiten vorbrachten. Sie konnten sich bei zentralen Fragen nicht mehr auf einen Kanzler stützen, der Eingaben bündelte und gegenüber dem Herrscher vertrat. Zhu wurde damit noch stärker zum Mittelpunkt der täglichen Regierungsarbeit.

Das Amt verschwand dauerhaft. Spätere Ming-Kaiser setzten keinen Kanzler mit derselben institutionellen Stellung mehr ein. Diese Neuordnung von 1380 prägte damit die Zentralregierung bis zum Ende der Dynastie im 17. Jahrhundert.

Aus einem Prozess wird eine politische Säuberung

Mit Hu Weiyongs Tod war der Fall jedoch keineswegs abgeschlossen. Die Ermittlungen griffen in den folgenden Jahren auf weitere Männer über, denen Verbindungen zu Hu vorgeworfen wurden. Frühere Mitarbeiter gerieten ebenso unter Verdacht wie hochrangige Angehörige der Gründergeneration.

Besonders folgenreich wurde dies für Li Shanchang. Er hatte Zhu Yuanzhang bereits lange vor der Kaiserkrönung gedient und gehörte zu den wichtigsten zivilen Helfern beim Aufbau der neuen Dynastie. Seine frühere Verbindung zu Hu Weiyong belastete ihn zunehmend. 1390 wurde auch Li einer Beteiligung an der angeblichen Verschwörung beschuldigt und getötet.

Damit hatte sich ein Verfahren gegen einen einzelnen Minister zu einer lang anhaltenden Verfolgung ausgeweitet. Die Regierung fasste die Beschuldigten schließlich als Anhänger einer Hu-Weiyong-Partei zusammen. Zahlreiche Beamte und ihre Familien wurden in die Untersuchungen hineingezogen.

Für Zhu Yuanzhang erfüllten diese Verfahren einen konkreten Zweck. Sie trafen Netzwerke, die aus den Jahren des Bürgerkriegs und der frühen Dynastiegründung stammten. Viele Männer, die einst gemeinsam mit ihm aufgestiegen waren, verfügten inzwischen über eigene Gefolgsleute und Verbindungen am Hof. Der Kaiser reduzierte damit den politischen Spielraum jener Generation, die ihm beim Aufbau seiner Herrschaft geholfen hatte.

Herrschaft ohne Kanzler

Mochouhu-Garten in Nanjing, unter Zhu Yuanzhang angelegt

Die Abschaffung des Kanzleramts löste allerdings ein praktisches Problem nicht auf. Auch ein Kaiser, der möglichst viel selbst bestimmen wollte, musste täglich eine enorme Menge an Eingaben bearbeiten. Ministerien schickten Berichte nach Nanjing, und Beamte baten um Weisung. Hinzu kamen Verwaltungsangelegenheiten aus den Provinzen.

Unter Zhu Yuanzhang blieb die persönliche Bearbeitung ein wesentlicher Bestandteil des Regierungsstils. Seine Nachfolger konnten dieses Arbeitspensum jedoch unterschiedlich gut bewältigen. Schrittweise gewannen deshalb andere Hofbeamte an Bedeutung, die den Kaiser bei der Sichtung von Schriftstücken und der Vorbereitung von Entscheidungen unterstützten.

Aus diesem Umfeld entwickelte sich später das Große Sekretariat. Es besaß eine andere institutionelle Stellung als das frühere Kanzleramt. Einzelne Großsekretäre konnten dennoch erheblichen Einfluss gewinnen, wenn ein Kaiser ihnen Zugang zu den eingehenden Schriftstücken gewährte.

Der Eingriff von 1380 hatte Macht am Hof damit dauerhaft verändert. Zhu Yuanzhang beseitigte ein Amt, dessen Inhaber ihm zu mächtig geworden war. Die tägliche Regierungsarbeit verschwand dadurch jedoch nicht. Künftige Kaiser mussten immer wieder festlegen, welchen Männern sie erlaubten, ihnen bei genau dieser Arbeit zur Seite zu stehen.


Zum Weiterlesen

Links, die mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet sind, führen auf die Seite von Amazon.de. Wenn Sie über diese Links bestellen, unterstützen Sie unsere Arbeit, ohne dass Ihnen Mehrkosten entstehen.

Timothy Brook (2013): The Troubled Empire. China in the Yuan-Ming Transition.*
Frederick W. Mote (2003): Imperial China 900–1800.*
Frederick W. Mote (1988): The Cambridge History of China, Vol. 7: The Ming Dynasty, 1368–1644, Part 1.*

Bildnachweis

Titel: Xihua-Tor in Nanjing aus dem 14. Jhdt. Wikimedia Commons, Universe729. CC BY-SA 3.0.

Mochouhu-Garten: Wikimedia Commens, Dr. Meierhofer. CC BY-SA 3.0.

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

Schreibe einen Kommentar