Die prunkvolle Zeremonie in Agra war kaum verklungen, als der junge Herrscher am 30. Dezember 1530 den Thron seines Vaters Babur bestieg. Nasir ud din Muhammad Humayun übernahm ein Reich, das eher einer losen Kette von Eroberungen glich als einem stabilen Staat. Sein Vater hatte ihm auf dem Sterbebett eingeschärft, niemals gegen seine Brüder das Schwert zu erheben – ein Versprechen, das Humayun in den kommenden Jahren teuer zu stehen kommen sollte. Während er in der Hauptstadt die Verwaltung nach den vier Elementen und dem Lauf der Planeten ordnete, formierten sich an den Rändern des Reiches bereits jene Kräfte, die ihn bald in die Flucht treiben würden.
Zwischen Astrologie und Schlachtfeld
Humayun war ein Mann der Gegensätze. Er galt als hochgebildet, interessiert an Naturwissenschaften und Poesie, doch seine Leidenschaft für Astrologie grenzte an Obsession. Politische Entscheidungen und militärische Aufbrüche machte er oft von der Konstellation der Sterne abhängig. Diese Zögerlichkeit nutzte ein fähiger afghanischer Edelmann namens Sher Khan, der sich in Bihar eine eigene Machtbasis schuf.
Im Jahr 1534 zog Humayun zunächst gegen das Sultanat von Gujarat. Obwohl er glänzende Siege errang und die Festungen von Mandu und Ahmadabad einnahm, offenbarte sich hier sein größtes Laster: der Hang zum Müßiggang. Statt die Eroberungen zu sichern, gab er sich monatelangen Festlichkeiten und dem Konsum von Opium hin. In dieser Zeit festigte Sher Khan seine Position im Osten so massiv, dass er bald zur existenziellen Bedrohung für die Mogulherrschaft wurde.
Die Katastrophe von Chausa und der Weg ins Exil

Der Konflikt mit Sher Khan, der inzwischen den Titel Sher Shah angenommen hatte, erreichte 1539 seinen Tiefpunkt. Am Ufer des Ganges bei Chausa standen sich die Heere gegenüber. Humayun, durch den Monsun geschwächt und von seinen Brüdern im Stich gelassen, die lieber eigene Ambitionen in Agra verfolgten, ließ sich auf Verhandlungen ein. Es war eine Falle.
Am Morgen des 25. Juni 1539 überfielen die Truppen Sher Shahs das noch schlafende Lager der Moguln. In der panischen Flucht stürzte Humayun mit seinem Pferd in den reißenden Strom des Ganges und entkam dem Tod nur durch die Hilfe eines Wasserträgers. Ein Jahr später, nach einer weiteren vernichtenden Niederlage bei Kannauj, war der Traum vom indischen Großreich vorerst beendet. Humayun wurde zum Gejagten im eigenen Land.
„Ich habe mein Königreich nicht durch die Stärke meines Feindes verloren, sondern durch die Zwietracht meiner Brüder.“ – Traditionell zugeschriebene Klage Humayuns während seiner Flucht.
Die folgenden drei Jahre glichen einer Odyssee. Mit einer schrumpfenden Schar Getreuer irrte er durch die Wüsten von Rajasthan und Sindh. In dieser Zeit der Not, im Fort von Umarkot, wurde 1542 sein Sohn Akbar geboren – jener Junge, der später das Werk seines Vaters vollenden sollte.
Persische Hilfe und die Rückkehr
Ohne Boden unter den Füßen suchte Humayun schließlich Zuflucht am Hofe der Safawiden. Schah Tahmasp I. empfing ihn in Persien mit allem zeremoniellen Glanz, stellte jedoch Bedingungen: Humayun sollte zum schiitischen Glauben konvertieren und die strategisch wichtige Stadt Kandahar an Persien abtreten. In dieser Zeit kamen die Moguln intensiv mit der persischen Kunst und Kultur in Kontakt, was die spätere Architektur und Malerei Indiens nachhaltig prägen sollte.
Mit einem persischen Heer im Rücken begann 1545 die mühsame Rückeroberung. Zuerst fielen Kandahar und Kabul. Erst als das von Sher Shah begründete Sur-Reich nach dessen Tod in interne Machtkämpfe verfiel, sah Humayun seine Chance für die Rückkehr nach Indien gekommen. 1555 marschierte er fast ohne Widerstand in Delhi ein.
Ein jähes Ende in der Bibliothek
Die mühsam wiedergewonnene Herrschaft währte nur kurz. Humayun widmete sich in Delhi bereits wieder seinen wissenschaftlichen Studien und plante eine umfassende Verwaltungsreform. Am Abend des 24. Januar 1556 eilte er die steile Steintreppe seiner Bibliothek Sher Mandal hinunter, als er den Ruf des Muezzins zum Gebet hörte. Er wollte aus Ehrfurcht niederknien, verhedderte sich in seinem Gewand und stürzte schwer. Zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen.
Sein Vermächtnis blieb zunächst fragil. Doch durch die kulturelle Brücke nach Persien und die Rückeroberung des Kernlandes schuf er das Fundament, auf dem sein Sohn Akbar das glanzvollste Reich der indischen Geschichte errichten konnte. Sein Grabmal in Delhi, das erste monumentale Garten-Mausoleum der Moguln, zeugt bis heute von der ästhetischen Vision eines Herrschers, der zwischen den Sternen und dem Schlachtstaub seinen Platz suchte.

Zum Weiterlesen
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Muzaffar Alam / Sanjay Subrahmanyam (2000): The Mughal State, 1526–1750.*
John F. Richards (2010): The Mughal Empire.*
Bildnachweis
Titel: Shah Tahmasp I. empfäng Humayun, 1544. Malerei von ca. 1647.
Grabmal: Wikimedia Commons, Santosh namby. CC BY-SA 1.0.
Alle weiteren Bilder gemeinfrei.



