Zwischen 1150 und 1200 erlebte das Reich von Bagan eine Zeit, in der die Waffen weitgehend schwiegen und die Wirtschaft florierte. Nach den Kriegen der Gründungsphase unter Anawrahta festigte sich eine Ordnung, die den Wohlstand dauerhaft sicherte. Die Hauptstadt wurde zu einer der bedeutendsten Metropolen Südostasiens, in der zehntausende Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenlebten.
Ein Zentrum des Wissens am Irrawaddy
Bagan wirkte in dieser Zeit wie ein Magnet auf Gelehrte aus der gesamten Region. Inschriften belegen die Anwesenheit von Mönchen und Studenten aus Indien, Sri Lanka oder dem benachbarten Khmer-Reich. Sie reisten an, um Astronomie, Medizin oder Rechtswissenschaften zu studieren. Besonders wichtig war das Studium der Pali-Grammatik – Pali war die heilige Sprache des Buddhismus, die als gemeinsames Band die Gelehrten über Ländergrenzen hinweg verband. Diese Entwicklung wurde dadurch verstärkt, dass der Einfluss der Chola-Dynastie in Südindien schwand. Da diese maritime Großmacht die Handelswege nicht mehr kontrollierte, verschoben sich die Routen und machten Bagan zu einer sicheren Drehscheibe für Ideen und Waren.
Technischer Fortschritt im Tempelbau

Der Reichtum der Epoche blieb für jeden sichtbar: Die Überschüsse aus Handel und Landwirtschaft ermöglichten den Bau tausender religiöser Monumente. Die Architektur vollzog dabei einen gewaltigen Sprung. Während die frühen Bauwerke massiv und eher dunkel waren, entwarfen die Handwerker nun neue Techniken für Ziegelgewölbe und Rundbögen.
Diese Konstruktionen erlaubten es, die sogenannten Gu, die hohlen Tempel, mit weiten und lichtdurchfluteten Innenräumen zu bauen. Ein Beispiel für diese neue Eleganz ist der Gawdawpalin-Tempel. Die birmanischen Baumeister fanden hier Lösungen für gewaltige Lasten, die in anderen Teilen Asiens erst wesentlich später bekannt wurden.
Die religiöse Mission nach Sri Lanka

Unter Narapatisithu, der ab 1174 regierte, änderte sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche grundlegend. Der Herrscher wollte den Einfluss der lokalen Mönchsgemeinschaften brechen, die durch enorme Landschenkungen reich und politisch eigenwillig geworden waren. Sein Werkzeug dafür war eine religiöse Reform. Im Jahr 1180 unterstützte er eine Gesandtschaft nach Sri Lanka zum dortigen Mahavihara-Kloster. Diese Institution galt als die „Mutter“ der rechtgläubigen Lehre und war für ihre unnachgiebige Disziplin bekannt.
Einer der Mönche, Chapata, kehrte nach zehn Jahren Studium mit Mitstreitern zurück, die nach dem strengen sri-lankischen Ritus geweiht worden waren. Der Monarch förderte diese neue Gruppe gezielt und ließ für sie ein eigenes Kloster direkt am Fluss errichten. Indem er die sri-lankischen Regeln zum allgemeingültigen Standard erhob, entzog er den alten, lokalen Gemeinschaften ihre Autorität. Wer nicht nach den neuen Vorgaben lebte, verlor sein Prestige. So schuf er eine Geistlichkeit, die dem Thron gegenüber loyal war und die Verwaltung des Landes moralisch stützte.

Zum Weiterlesen
- Michael Aung-Thwin (2017): Bagan and the World: Early Myanmar and Its Global Connections.*
- Thant Myint-U (2008): The River of Lost Footsteps. Eine anschauliche Darstellung der militärischen Eroberungen Anawrahtas.
- Donald M. Stadtner (2013): Ancient Pagan. Details zur Entwicklung der Gu-Tempel und ihrer Wandmalereien.
Bildnachweis
Titel: Bagan, 2013.
Alles eigene Aufnahmen.
