Hong Taiji und die Formierung des Qing-Staates

Chronik der Qing-Dynastie – Folge 2

Im Winter des Jahres 1626 versammelt sich die Führung der Banner in Mukden. Der Tod Nurhacis hat ein Machtzentrum hinterlassen, aber keine klare Nachfolge. Mehrere Angehörige der Herrscherfamilie verfügen über eigene Truppen. Entscheidungen müssen abgestimmt werden, Rivalitäten bleiben unausgesprochen, Loyalitäten sind noch nicht gefestigt.

In dieser Situation wird Hong Taiji von den führenden Bannerkommandeuren als gemeinsamer Anführer akzeptiert. Die Entscheidung entsteht im Kreis der militärischen Elite und beruht auf Konsens, nicht auf festgelegter Erbfolge. Seine ersten Schritte zielen darauf, das bestehende Gefüge zusammenzuhalten.

Macht ohne Alleinherrschaft

Hong Taiji (1592-1643)

Hong Taijis Stellung unterscheidet sich deutlich von der seines Vaters. Er übernimmt keine unangefochtene Führungsrolle, sondern bewegt sich in einem Kreis militärischer Entscheidungsträger, die eigene Interessen vertreten. Brüder, Neffen und Schwager Nurhacis kontrollieren Banner und Gefolgschaften. Offene Gewalt gegen sie würde den Verband destabilisieren. Hong Taiji wählt einen anderen Weg.

Er bindet mögliche Rivalen in Beratungen ein, verteilt Ämter und achtet auf formale Ausgewogenheit. Entscheidungen erscheinen gemeinschaftlich vorbereitet, auch wenn die Richtung zunehmend von ihm vorgegeben wird. Hong Taiji stützt seine Macht auf Verfahren, Absprachen und die Fähigkeit, konkurrierende Machtträger dauerhaft einzubinden.

Ein neuer Name, eine neue politische Identität

Im Jahr 1635 ordnet Hong Taiji offiziell an, die bisher als Jurchen bezeichneten Gruppen unter dem Namen Mandschu zusammenzufassen. Die neue Bezeichnung ersetzt bewusst einen Namen, der mit den unterworfenen Jin-Dynastien der Vergangenheit verbunden ist. Zugehörigkeit definiert sich nun über die Bindung an die neue Herrschaft, nicht über Abstammung.

Parallel dazu öffnet Hong Taiji die Führungsebene gezielt für chinesische Beamte und Berater. Sie bringen Verwaltungserfahrung, Kenntnisse der Schriftkultur und diplomatische Praxis ein. Militärische Herkunft bleibt wichtig, verliert jedoch ihre ausschließliche Bedeutung. Hong Taiji stützt seine Macht nun stärker auf Ämter, festgelegte Zuständigkeiten und schriftlich fixierte Verfahren.

Verwaltung, Schrift und Abgaben

Die unter Nurhaci entwickelte Schrift wird nun systematisch genutzt. Befehle, Register und Abgabenlisten werden schriftlich festgehalten. Hong Taiji baut zentrale Verwaltungsstellen auf, die Versorgung, Steuern und Personal organisieren. Die Banner bleiben das Rückgrat der Armee, übernehmen jedoch zunehmend zivile Aufgaben.

Edikt Taijis an die mongolischen Warlords, in mongolischer Sprache

Zugleich wird das Bannersystem erweitert. Ab 1635 entstehen neben den acht mandschurischen Bannern eigene mongolische Banner. In den frühen 1640er Jahren folgen Banner für chinesische Truppen, die sogenannten Hanjun. Auf diese Weise bindet Hong Taiji unterschiedliche Bevölkerungsgruppen dauerhaft in eine gemeinsame militärisch-soziale Organisationsform. Die Banner werden zu Instrumenten von Kontrolle, Rekrutierung und sozialer Einbindung.

Auch für die Bevölkerung verändert sich der Alltag. Abgaben werden regelmäßiger erhoben, Dienstleistungen klarer zugewiesen. Macht zeigt sich zunehmend in der Verwaltung von Menschen und Ressourcen.

Gleichrangigkeit nach außen

Nach außen verfolgt Hong Taiji eine klare Zielsetzung. Sein Herrschaftsverband soll als politisch ebenbürtig zum Ming-Reich erscheinen. Im Jahr 1636 nimmt er den Kaisertitel an und benennt den Staat offiziell um. Aus der späten Jin wird das Qing-Reich.

Dieser Schritt ordnet die innere Hierarchie neu, formuliert einen universellen Anspruch und übersetzt bestehende Bündnisse in imperiale Rhetorik. Legitimation stützt sich nun auf Titel, Rituale und institutionelle Kontinuität – nicht mehr allein militärisch.

Krieg mit begrenzten Zielen

Hong Taijis Waffen, in einem Buch von 1915

Militärisch agiert Hong Taiji zurückhaltender als sein Vater. Feldzüge werden sorgfältig vorbereitet, Ressourcen geschont, Bündnisse gezielt eingesetzt. Besonders die bereits institutionell verankerte Zusammenarbeit mit mongolischen Verbänden erweitert den Handlungsspielraum. Die mongolischen Banner erweisen sich dabei als militärisch belastbar und politisch verlässlich.

Siege dienen der schrittweisen Schwächung der Ming-Grenzverteidigung, nicht der schnellen Entscheidung. Gleichzeitig bleibt klar, dass der direkte Zugriff auf China noch nicht möglich ist. Versorgung, Verwaltung und innere Stabilität haben Vorrang. Expansion dient der Absicherung des bestehenden Gebiets.

Eine tragfähige Organisationsform

Als Hong Taiji im Jahr 1643 stirbt, ist China noch nicht erobert. Doch das Machtgefüge hat sich grundlegend verändert. Aus dem militärischen Verband seines Vaters ist ein Apparat entstanden, der Verwaltung und Armee miteinander verbindet.

Der Übergang nach seinem Tod wird erneut Unsicherheit bringen. Doch im Unterschied zu 1626 bestehen nun Institutionen und Verfahren, die über Hong Taijis Tod hinaus handlungsfähig bleiben.

Der Einzug in Peking wird nicht von Hong Taiji geführt. Er wird durch Verwaltung und Armee ermöglicht, die unter seiner Führung geformt worden sind.


Zum Weiterlesen

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Elliott, Mark C. (2001): The Manchu Way: The Eight Banners and Ethnic Identity in Late Imperial China * – Standardwerk zur politischen und sozialen Organisation der frühen Qing.
Crossley, Pamela Kyle (2002): The Manchus * – Überblick zur Entstehung mandschurischer Herrschaft und Identität.

Bildnachweis

Titel: Eroberung des Ming-Reichs im Süden. Wikimedia Commons, Evawen.

Alle weiteren Abbildungen gemeinfrei.

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