Wer heute am Zusammenfluss von Bago- und Yangon-Fluss in Myanmar steht, blickt auf eine undurchsichtige Wasserfläche. Darunter, auf dem schlammigen Grund, liegt möglicherweise eine der größten Glocken, die je gegossen wurde und mit ihr eine Geschichte von königlicher Frömmigkeit, kolonialer Gier und jahrhundertelangen, vergeblichen Suchaktionen.
Ein König und sein Astrologe

Am 5. Februar 1484 ließ der Legende nach König Dhammazedi von Hanthawaddy Pegu eine Bronzeglocke für die Shwedagon-Pagode gießen. Sein Astrologe hatte ihm davon abgeraten: Das Krokodil-Sternbild stehe ungünstig, die Glocke werde keinen schönen Klang haben. Der König ignorierte den Rat und der Astrologe sollte recht behalten. Die fertige Glocke klang tatsächlich unangenehm.
Dennoch war das Werk beeindruckend. Zeitgenössische Texte berichten von 180.000 Viss Metall – umgerechnet etwa 294 Tonnen Bronze, Silber und Gold. Zwölf Ellen hoch und acht Ellen breit soll sie gewesen sein. Falls diese eher unwahrscheinliche Angaben stimmten, wäre sie schwerer als die heute größte Glocke der Welt gewesen .
Der italienische Edelsteinhändler Gasparo Balbi besuchte 1583 die Shwedagon-Pagode und maß die Glocke persönlich: „sieben Schritte und drei Handbreiten lang“, notierte er in sein Tagebuch. Von oben bis unten war sie mit Inschriften bedeckt, die niemand entziffern konnte.
Portugiesische Räuber

Filipe de Brito e Nicote kam in den 1590er Jahren nach Unterburma. Der portugiesische Söldner, den die Burmesen Nga Zinka nannten, machte sich zunächst als Gouverneur des Hafens Syriam nützlich. 1603 erklärte er seine Unabhängigkeit und begann, die Umgebung zu plündern.
1608 war die Shwedagon-Pagode an der Reihe. De Brito und seine Männer rollten die massive Glocke den Singuttara-Hügel hinunter zu einem Floß am Pazundaung-Bach. Elefanten zogen die Beute zum Bago-Fluss, wo sie an de Britos Flaggschiff festgebunden wurde. Das Ziel: Syriam, wo die Glocke zu Kanonen eingeschmolzen werden sollte.
Doch die Last war zu schwer. Am Zusammenfluss der beiden Flüsse brach das Floß auseinander, die Glocke versank – und riss de Britos Schiff mit in die Tiefe. Fünf Jahre später eroberten burmesische Truppen Syriam zurück. De Brito starb durch Aufspießung.
Die endlose Suche
Seit über vier Jahrhunderten liegt die Glocke nun im Flussschlamm. Viele haben versucht, sie zu finden. Der professionelle Tiefseetaucher James Blunt unternahm 115 Erkundungstauchgänge. Die Suche ist schwierig: Das Wasser ist trüb, mindestens drei Schiffswracks liegen in der Gegend, und die Glocke könnte unter 7,6 Metern Schlamm begraben sein.
2000 beauftragte die burmesische Regierung den englischen Meeresforscher Mike Hatcher mit der Bergung. Ein internationales Team aus japanischen, australischen und amerikanischen Unternehmen sollte helfen, sogar Richard Gere war an der Finanzierung beteiligt. Das Projekt kam nie richtig in Gang – möglicherweise, weil Hatcher gleichzeitig mit anderen Unterwasserprojekten beschäftigt war.
2010 versuchte es der australische Dokumentarfilmer Damien Lay. Sein Team führte Sonar-Untersuchungen über vier Quadratkilometer Flussboden durch, identifizierte vierzehn Schiffswracks und behauptete schließlich, sowohl die Glocke als auch de Britos Galeone lokalisiert zu haben. Der genaue Standort wurde nicht veröffentlicht.
2012 stellte eine Firma aus Singapur zehn Millionen Dollar für einen neuen Versuch bereit. 2014 behauptete der Forscher San Linn, die Glocke sei gefunden worden. Diese Meldung erwies sich als falsch.

Geister und Legenden
Die erfolglose Suche hat lokale Mythen befeuert. Manche Einheimische behaupten, sie hätten die Glocke bei Vollmond auftauchen sehen. Andere glauben, Naturgeister bewachten sie zusammen mit anderen Schätzen aus der Shwedagon-Pagode.
Die Wahrheit dürfte prosaischer sein: Der schlammige Flussgrund, die schlechte Sicht und die vielen Schiffswracks machen die Suche extrem schwierig. Ob die Glocke tatsächlich so schwer war, wie die historischen Quellen behaupten, bleibt fraglich. Sollte sie jemals gefunden werden, könnte sich herausstellen, dass auch mittelalterliche Chronisten zur Übertreibung neigten.
Zum Weiterlesen:
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Thant Myint-U: The River of Lost Footsteps, 2008.
Bildernachweis
Titel: Aktuelle Glocken an der Spitze der Shwedagon-Pagode.
Bago-Fluss: Wikimedia Commons, ခင်မောင်မောင်လွင်.
Alles weitere eigene Aufnahmen oder gemeinfrei.